Gelage

Das Genie im Garten

12| © Anne Seubert

Zwischen Genießen und Genieren hat sich das Genie in mein Wörterbuch eingenistet, das Hirn schaltet sich immer ein und flüstert Gen und Genius, aber mein Pinsel ist bereits am Erröten und meine Lippen formen sanfte Schmorlaute, fast wären sie zu einem Jeopardy entwischt, ich konnte sie gerade noch abhalten. Es geht schließlich um etwas Herausragendes, etwas Erhabenes, etwas Erhebendes.

Um was genau, wollen wir allerdings erst noch rausfinden. Ist es ein Ort oder eine Zeit, ist es männlich oder weiblich und überhaupt an einen Menschen gebunden, dieses Genie in a bottle? Dieses Genie, das für mich, aber das entdecke ich erst im Gespräch mit den anderen, der erlebte Zeitpunkt ist, und zwar nicht als geopolitische Landmarke noch als Hirndetail, sondern vielmehr als Momentum konzipiert, in dem die Hartmut Rosa’sche Weltenbeziehung im Flow ist. Für mich als Individuum und für die Gesellschaft. Ganz da und ganz weg. Gleichzeitig ist dieses Genie, in dem der Geist, ob göttlich sei nochmal dahingestellt, sein Korsett abgelegt hat, seine Contenance auch, und nackt im Mondlicht tanzt.

Das Genie denkt nicht in Arbeit und Ergebnis, nicht in Mensch oder Materie, nicht in Himmel oder Erde, es ist das Meer, nicht die Insel, der Pollen, und wer den Mut hat, es aufzureissen im romantischen Sinne, wird funkeln und strahlen und einsam sein und mit sich ringen, wieder Teil zu werden, umsonst. Es ist kein Herdentier und bleibt doch ohne Herde ein Wunder ohne Lampe, ein Garten ohne Wildnis.

Das Genie im Fluss ist die Gebende, und zwar gebend viel mehr denn schöpfend in meinem Verständnis. Es ist eine Kraft, die freundlich bestimmt und unausweichlich schafft. Und auch wenn das Schaffen im Schwäbischen die mühevolle Arbeit meint, so ist hier die kreative Arbeit gemeint, die genauso fordert und erschöpft, aber nicht ausnutzt. Das Genie ist Aktiv und Passiv vereint in einen Akt, der so faktisch wie alles andere als Materie,  der sich so sehr vollzieht wie er nie beginnt und nie endet, der uns staunen und Stirn runzeln macht und der uns gleichsam mit offenen Armen willkommen wie auf Abstand hält: To be handled with care.

 


Vielen Dank für die Einladung zum FRÜHWERK, dem Digitalformat von Age or Artists für künstlerische Praxis in Organisationen. Es erforscht aktuelle Ungewissheiten und lässt unterschiedliche Positionen aufeinandertreffen.

Am 4.12.2020 mit dem Schwerpunkt Genius und den Gästen: Anne Seubert, Diplom-Kulturwissenschaftlerin, Prozess-Komplizin, Keynote-Speakerin und Autorin. Diana Syrse, Komponistin und Sängerin. Rainer Monnet, Unternehmensentwickler, strategischer Berater, Speaker, SAP Research und Innovation Manager, Geschäftsführer und Mitgründer einer Waldorfschule. Stefan Ackerman, Philosoph, Verantwortung generierender Systemtransformator und Professor für Artful Leadership an der HKS-Ottersberg sowie Geschäftsführer der Social Cert GmbH. Die Moderation leiteten Gastgeber Dirk Dobiéy und Scherin Beuther aus dem AGE OF ARTISTS-Netzwerk.

 

Gelage

Liebe deinen Alltag, Schichtwechsel um Mitternacht

Ausblick | Anne Seubert

Jeden Morgen die eigenen Einzelteile zusammenrufen für die heute anstehenden Jobs. Wie Tagelöhner kriechen sie aus ihren Löchern, ohne große Erwartungen, wohlwissend, dass schlecht bezahlt, bleiben sie ungenügend  ausgebildet und unterwürfig aus existenzieller Dankbarkeit heraus. Ja, der Tag wird vorübergehen, es wird ein nächster folgen, aber die beiden werden sich nicht kennenlernen, nicht voneinander lernen, nicht miteinander flirten, nicht miteinander schlafen. Schichtwechsel um Mitternacht.

Heute du, morgen ich, fragt die Zukunft die Gegenwart rhetorisch am Eingang.

Als Fragezeichen aufwachen, das ich vom Vortag bereits entsorgt, die Hülle recycelt, eine Frage, die ein Zeichen ist und eines sucht: Bin ich’s heute oder werde ich es erst? Kann ich was ich will heute sein? Bin ich heute gefragt oder sind die Antworten bereits anderweitig vergeben. Wer bringt den heutigen Tag auf den Punkt und wer ihn um die Ecke, wenn es soweit ist? Ungebremst noch die Furchtlosigkeit, unscharf der Blick und ob Problem oder Lösung, Ziel oder Weg, Trotz oder Rücksicht wird sich zeigen. Jetzt erstmal Neugier dick aufs Brot gestrichen, dass ich dich anerkenne, my Day, ist auch eine Form des Vergebens eines Gesterns, das so weder gewollt noch gewürfelt wurde.

Heute ist ein guter Tag, flüstert die Nacht und schließt die Augen.

Mein Tag, mein Turm, mein Tintenfisch mit sieben Händen Hoffnung und nur ein Arm trägt schwarz? Der Dresscode wurde zu spät kommuniziert, man sei der Zukunft trotzdem oder gerade deswegen zugewandt. Ein Ort des Verzeihens der Tagesanbruch auch, ein geteilter Morgen spricht für geteilte Nacht und ein Frühstück mit Worten, die du nicht von der Bettkante schubst, auch wenn das Bett schmal und das Wort heilig, auch und gerade wenn der Turm in seinem Schatten die Sonnenstunden zählt, die heute Schicht haben und sich gerade warm laufen. Noch eine Schippe Laub zum Mitnehmen? Aber sicher! Und eine zum sofort aufwirbeln, bitte!