Gelage

Now is where my heart is

feierabends beide arme hängen lassen und gehen
schlendern statt gehen, hüpfen!
gehen wohin der pfeffer wächst und die schatten lange blicke werfen:
flirt, du mut gewordene zärtlichkeit
du spitzbübisch lächelnder schwarm meiner seele
das leben blüht vielleicht auch backstage, ganz sicher sogar,
und vielleicht da ganz besonders

jenseits des zauns lässt der duft deines lächelns den flieder stehen,
aus dem lied, das mir der mond erzählt eine zeile entführend
auf der meine gedanken sesshaft werden möchten.
schweigend malst du eine welt, eine welt aus waldrand und wetterscheiden,
dort wo sich der wind ins korn verweht, verwirklicht zu was er geboren:
goldrausch auf dem letzten ton des freitäglichen sonnenuntergangs
vermählt im anblick der sterne, baum für baum sich dem meer der musen anheim gebend
die sich eingefunden in zweiter reihe und nachtkleid.

du zeichnest uns ein lied, das sich trägt, trägt und
verträgt mit dem allnächtlichen chor der stille
stille, die wir sinken lassen bis die angst sich zurückgezogen
zwischen alle stühle und schemel fließend, beine zum schmelzen bringend
boden bereitend für ein leben ohne leine, gegossen in die hände von poeten

und mit dem ersten wort schwingt sich dein gottvertrauen auf,
mich zu tränken für den abstand zwischen letter und komma, zu fruchtbarkeit auserkoren:
den atem schöpfung lehren, zug um zug und wange für wange,
hauch an lippe, lippe an locke, locke an stern und stern an herzgeflüster,
denn noch nicht immer gelingt es ein lied zu flechten, das deiner tonlage herr.

Gelage

Anleitung zum Tasten

Anleitung zum Tasten | © Anne Seubert

Es ist zumeist ein leises, ein intimes Vergnügen, dieses Rätseln. Ein der Erkenntnis vorgelagertes mit Erkenntnisoptimismus gewürztes, Geduld & Hingabe forderndes, um begriffliche Ecken lockendes. Es ist ein wenig in Verruf geraten im Zeitalter der Berechenbarkeit und Effizienzsteigerung, darf sich als Flirt zuweilen noch an den Tisch setzen, obgleich auch da dem Datenabgleich häufig Vorschub geleistet wird.

Es ist ein der Wissenschaft auf den ersten Blick diametral gegenüber angestelltes durch und durch informelles Verfahren, das Rätseln. Einem Möglichkeitsraum und der Spielfreude Tür und Tor öffnend, verführt es zu Antworten entlang der scenic route, die ungleich Lösungen zuweilen sogar eher Trittbretter bislang uneingeschlagener Pfade sind. So irritiert das Rätsel während es dazu anleitet, zu Tasten, zu spüren, zu zittern und zu wagen, vom Wege abzukommen und Sackgassen auch mal ganz bewusst zu favorisieren.

Es macht uns staunen und schmunzeln, die Stirn in Falten legen und der Mitternacht ein paar Stunden abtrotzen in seiner granularen Struktur, die zugleich fasziniert wie enerviert. Hier ein Fadenende, dort ein dreifach übers nie gebrochener Vergleich. Kinder lieben seine Geheimnisse, seinen Witz, seine Verborgenheit, die es offen ausspricht: ich könnte auch Klartext sprechen, aber ich mache es lieber spannend. Wobei das nur die trivialen Rätsel betrifft, bei denen wenigstens einer weiss, worum es geht.

Die wirklichen Rätsel, deren Lösbarkeit reine Vermutung, sind uns als Mensch und Gesellschaft als Mentoren und Komplizen gleichermaßen zur Seite gestellt. Ihre sprachliche Versiertheit lässt sie uns als Lyrik lesen, als Weise summen, als Mantra murmeln und als Losung an die Wand pinnen: Sei, was du nie gewesen sein wagtest, habe acht und sieben auf einen Streich, sei mehr als die Summe deiner Teile und weniger als auf den Teller passt.

‘Wirtschaft als Rätsel’ war letzte Woche ein Stelldichein des Think Tanks des Instituts für Wirtschaftsphilosophie überschrieben und ich geladen, als Poetin und als in der Wirtschaft wirkende. Wie gern ich Rätsel auf-, ver- und unterwerfe, wie sehr ich mich dieser alten Kulturtechnik verbunden fühle, habe ich an diesem Abend nicht verraten. Wie verführerisch allein der Begriff des Rätsels hingegen, waren wir uns Anwesende alle einig. Wie ästhetisch in Sprachform und Faltung, wie zärtlich in Verlockung und Vanitas, wie kinderleicht und sinnenschwer sie daherkommen, ahnte ich.

Wie vermögend als Konzept für Wissenschaft, Kunstermittlung und (philosophische) Analyse wurde mir bewusst als wir unser aller Perspektiven ums gedankliche Lagerfeuer schürten und Worte sich aus Hülsen schälten, wie aus einem zu eng geschnürten Korsett: Lustvoll  den Muskel der Erkenntnis nicht ausdefinieren und in Steinchen meisseln, sondern im Gegenteil als sich um neue Gelenke schlagendes Kraftpaket päppeln. Reingehen ins Bad der Gedanken, tief tauchen und ausatmen nicht vergessen, auch und gerade wenn das Blasen schlägt, die irritieren und die zuweilen allzu glattgezogene Oberfläche der Realität zum Kräuseln animieren. Der Eindimensionalität trotzen und Schlösser bauen, deren Mauern ebenso luftig wie obdachtragend einen Horizont zelebrieren, dessen Sprache Himmel und Erde vereint.