Geliebte

Im Dunkeln

Einer befließ sich sehr obscur und unverständlich zu schreiben, diesem ruffte ein anderer zu: du Narr, wilstu ncht verstanden werden, so schreib nichts: so hastu deinen Zweck gewiß.
(Christian Weise: Die Drey ärgsten Ertz-Narren In der gantzen Welt, 1673)

Und sie nannte ihn ihr linkes Strumpfband, ohne ihn nur unvollständig besockt, er nannte sie seine Carla Columna. Und sie lachten oft und sprachen selten nur miteinander, wenn dann unter Decken, im Dunkeln fand er sie mehr als schön. Er löschte stets alle Lichter, wartete prinzipiell bis weit nach Mitternacht und erst in tiefster Finsternis fanden seine Lippen die schönsten Komplimente. Er räusperte sich andeutungsweise in ihre Richtung, horchte auf ihre Atemzüge und sobald diese die Luft unter der Decke erwärmten, begann er zu flirten. So lernte sie die langen Winternächte zu schätzen und zehrte sommerlang von seiner kissengedämpften lakengefilterten Stimme.

Schien die Sonne nahm er sich frei und verreiste in die Universen jenseits der Kellertür. Er verweigerte die Nahrungsaufnahme, nahm Liebesschwüre nur in Ausnahmefällen entgegen und verkroch sich unter die Werkbank. Im Dämmerlicht der durch die verstaubten dickwandigen Fensterluken hartnäckig einfallenden Sonnenstrahlen übte er, die Scheide des Holzbeils als Spiegel nutzend, heimlich mit den Ohren zu wackeln. In einer Jahre zurückliegenden, weißweintrunkenen Nacht, hatten ihm anbetungswürdig souveräne Männer dies als eindeutigstes Kriterium für wahre Männlichkeit eingeflüstert.

Ironie war seines heute noch nicht. Wann immer sie die Mundwinkel kräuselte und ihre Stimme in süffisanten Dissonanzen schwärmte, hatte er sich angewöhnt, die verbale Kommunikation zu beenden. Er stülpte die Ohrmuscheln nach innen, setzte eins seiner zahlreichen Reservelächeln auf und schaute ihr statt ins Gesicht auf die Mulde zwischen Schlüsselbein und Hals. Meist brachte sie das innerhalb von Sekunden zum Schweigen, andernfalls hatte er noch ein mehrdeutiges Hüsteln in petto, auch ein gelangweiltes Gähnen. Beides fiel ihm – unausgesprochen – schwer. Eher noch trottelte er zerstreut von dannen, leicht gekrümmt sich die linke Niere haltend, flüchtend vor Wortbedeutungen jenseits des Gesagten.

Geliebte

Faltenwurf

Als sie die Scheidung einreichte, war ihr sein Antlitz unbekannt, seine Stimme fremd. Seine Schrift nicht weniger ein Rätsel, das zu lösen sie sich nicht einmal vorgenommen hatte. Und auch seine Schuhgröße, schon eher ein Faszinosum, das die mitunter langen Jahre ihrer Ehe ebenso unerfragt geblieben war. Sie kannte den Rhythmus seines Atems und den Duktus seiner Berührungen. Und sie wusste mit Bestimmtheit zu sagen, dass sein rechter kleiner Finger am salzigsten schmeckte. Da kam auch sein linker Ringfinger nicht heran, dafür kannte dieser wie kein anderer die Mulden nördlich ihrer Schlüsselbeine und wusste sein Wissen jederzeit gewinnbringend einzusetzen.

Sie hatte lange gewartet auf den Bissen Sonne, den Teelöffel Licht, auf ein Zähneknirschen fast ebenso stark wie auf ein Lied, die ihr seine Zehen jedes Jahr zu Weihnachten in Form von Gutscheinen feierlich überreichten. Die spießte sie seit jeher an Dreikönig auf Präpariernadeln, welche auf dem Fensterbrett unter dem Drachenbaum aufgereiht wurden. Die Nadeln waren ein Andenken ihres Lieblingsopas, das langsam aber sicher zur Neige ging. Genau zwei Stück befanden sich noch in der kleinen abgegriffenen Papierpackung, die sie nach Entnahme hinten, noch hinter den Heftklammern, in der zweitobersten Schreibtischschublade verstaute.

Der Entschluss zur Scheidung aber war im Hochsommer gefallen, nicht etwa der Sentimentalität zwischen den Jahren anlastbar, darauf hatte sie Acht gehabt. Sie ging davon aus, bis auf besagte Finger wenig zu vermissen. Sie ahnte, in Zukunft häufiger auf Salat- oder Mohnreste zwischen den Zähnen angesprochen oder wegen verschiedenfarbiger Socken belächelt zu werden. Aber sie war Lächerlichkeit gewohnt und für Stunden unbemerkten Grimmassierens und Gähnens erschien ihr der Preis allemal angemessen. Wenn nur die Mulden nicht so wehleidig, die sie umgebenden Hautpartien nicht so nachtragend. So aber blieb ihr nichts, als die trotzig Klagenden akkurat in Falten und darüber wie zu Jugendzeiten wieder Rollkragen zu legen.