Geliebte

Dekolleté und Hornbrille

Und dann fehlt wieder einer, der mir die Mähne gegen den Strich bürstet und die Lungen mit Ausgeatmetem füllt. Jemand der zieht und strahlt und das Wasser an meinen Wimpern zum Kochen bringt. Jemand der weint und wütet und den Boden unter meinen Ballen aufwühlt, aufkratzt, unterwandert. Glättet. Befruchtet. Der mir eine Zukunft sät.
Gedreht und gewendet, derjenige bin ich, so sehr ich den Spiegel tagtäglich dafür verfluche mein Angesicht ungeschönt zu reproduzieren.

Die knöchernen Sehnen rund ums Schlüsselbein knacken – unabhängig vom Ausschnitt – bei jedem Schritt, nicht im Rhythmus, aber lauter als das Knie, das tapfer dagegenhält und diesen müden Leib noch durch den tiefsten Schnee schleppt und nachdrücklich einen jeden Seufzer zu unterdrücken sucht. Contenance ist eine Tugend und Humpeln gehört nicht dazu. Ich krampfe den linken Fuß noch im Schlaf, träume nur mehr zwischen halb und dreiviertel und erwache morgens mit der Sehnsucht nach einer neuen Nacht.

Du aber fehlst auch mit Brille, weit und breit kein Ich in Sicht, das ich an meine linke Hüfte bände geschweige denn gegen die Sehnsucht tauschte. Nichts, das das Fleisch zusammen und den Schmerz fernhalten könnte, nichts, das ein Kissen wert wäre, nicht das Putzen der Brille. Nichts, das der Angst die Stirn bieten würde, wenigstens für einen Sonnenuntergang.

Geliebte

alles egal, denn du lebst

Groß ist er nicht geworden. Nicht noch größer jedenfalls. Immer noch viele Jahre jünger, aber ein Mann jetzt. Der Akzent ist immer noch der Gleiche, immer noch nur manchmal hörbar. Zwischen den Zähnen, wenn die Empörung der Contenance eins auswischt. Dem Himmel sei dank. Und dann sitzen wir auf einem Sofa, ich auf dem Trockenen, er bei Whisky Sour und die Nähe wächst. Wächst und gedeiht. Füllt den Raum um, die Leere in uns. Macht sogar meine Hände warm.

Sieben Jahre sind mindestens sechs zu viel des Schweigens und die eine Umarmung zum Abschied mindestens sieben zu wenig. Mit Worten streicheln, war fast alles was möglich war. Und ein liebkosendes Lächeln. Alle paar Minuten in das beredte Schweigen gestreuselt. Auch viel gesagt, natürlich, mitohne Worte. Geteilt, das Erlebte, Erwünschte. Das Versäumte auch. Und das Schmerzende vor allem. Nichts beschwiegen.

Ein wenig mehr Zeit hätte sich auch die Sonne mit dem Untergehen lassen können, der Regen mit dem Fallen. Das Gewitter kam erst recht unangemessen, und eigentlich alles, aber egal, denn du lebst.