Gelüste

Aussicht auf November

Aussicht auf Gelb

Zwischen den Zähnen die Nacht von vorgestern, schläft in meinen Armen einer, der das Gestern mehr als das Morgen fürchtet. Ich halte mir versuchsweise die Knie ans Kinn, das Fenster im Blick, das einen November auffährt, dass mir der Atem flöten geht. Mein Herz raucht seit neuestem Zigarre, ich paffe heimlich mit, wenn ich das Frühstück auslasse und der nächste Termin erst bei Dämmerung lungert.

Er schläft mit geröteten Wangen, Champagner im Blut und die Fingerspitzen gen Mekka. Wenn ich meinen inneren Ellenbogen an sein Hüftbein schmiege, stoppt der Film innert Sekunden. Ein Klassiker in Schwarzweiss, Antony Quinn lässt sich erkennen und ich erahne ein Leben hinter der Leinwand. Geradlinig. Rauchzart. Wildwüchsig. Mindestens.

Mir ist nach Kill your Darlings, nach Wüstenweiten, meine Gedanken laufen Runde um Runde um einen See, der die Nacht unter Tage gebaut und sich eine weisse Weste bewahrt hat.

Auf eine weitere Runde Tageslicht, bevor der Schnee fällt, der Mann aufwacht, das Glas geleert. Noch eine Hand voll Fingerspitzen, eine Nacht voller Filmschnipsel, eine Bar voll Bossa Nova, ein Taxi voller Geschichten!

Gelüste

Kandierte Steine

Ein Ort für Fragen

Kandierte Steine, sagst du und ich denke an die Zeiten, als Kiesel mir noch köstlich wie Buttermilch und Spucke, dein Zeigefinger mir Salzstein und Kamm in einem. Und dann lachst du und aus dir sprudeln Fragen, die ich so noch nie gesehen. Fragen, die Hunger machen auf dein Leben und das was du zwischen Satzzeichen zu packen vermagst, Koffer für Koffer und Handgepäck jenseits aller Sicherheitsbestimmungen.

Man packe beide Arme in kobaltnen Gips, knietief und bis dass der Bass die Fingernägel streicht, referierst du, und ich warte schon jetzt auf die Mulden, die dein Daumen in meinen Nacken graben wird, wenn die Beweglichkeit wieder einsetzt. Sehnsüchtelnd. Knietief ist wichtig, sagst du und demonstrierst deine knöchernen Ellbogen an unerwarteten Stellen, zückst Augenbrauen, wo ich Stirnfransen erwartet hätte und ziehst deinen Taschensee aus der Tasche, mit Zweige schlenkernder Trauerweide: Falls du schwimmen möchtest, oder am Ufer Geschichten schreiben. Du Schuft!

Du weisst zu gut, wo sich Worte zu Hause fühlen, hältst Klammern bereit, Semikola und ungenutzte Absätze. Und Menschen. Menschen, die dir den Käse einpacken, das Kopfhaar entlausen und den Fisch entgräten. Menschen, die Zartheit züchten, auf dem Fensterbrett, Zeit in dicken Wannen und Arme voller Mut für dieses entschleunigte Leben, das da jenseits von Multitask gelebt werden will, bereithalten. Menschen, die kandierte Steine lutschen, eine Geschichte ausspucken und das ohne zu krümeln.