Gestik

Mannbarkeit und Sehnsucht

Mein Knie hat Heimweh, sagt es, und ich tätschele es heimlich beim Gehen. Wird schon wieder, flüster’ ich mir unter den Rock. Nur noch ein Stückchen geradeaus, über die Ampel und dann noch die Treppen hoch. Ich verschweige, dass dieser der längste Teil der Reise werden wird. Aber schon auf dem Hinweg hatte das Knie genölt, wollte gar nicht erst losgehen. Und als wir endlich angekommen waren, fing das an mit dem Heimweh. An der Ampel auf Grün wartend, knirrscht das Knie ein “Wie lange noch?“ und ich bin für einen Moment versucht “Wenn Du jetzt brav bist, gibt’s nachher ein Eis“ zu antworten. Beherrsche mich aber.

Stattdessen verbünde ich mich mit der rechten Wade. Die ist das heimwehkranke, wehleidige Knie schon lange überdrüssig, bewahrt aber Contenance. Rückwärts anmutig gewölbt, bietet sie jedem Angreifer, der sich ihr von vorn zu nähern wagt, die Stirn. Das Knie im Nacken, geht sie aufrecht, ohne steif, greift aus, ohne forsch zu wirken. Sie weiß sogar um meine heimliche Verehrung, und hat auch jetzt tröstende Worte für mich. Es ginge vorbei, das Fremdeln des Knies sei nichts als eine Phase, typisch für Adoleszenten. Bald schon wäre es wieder nicht zu bändigen wenn es darum ginge, neue Wege zu beschreiten, ich brauche mich nicht zu sorgen.

Ich sorge mich auch nur bedingt, ich bin vielmehr genervt. Habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich Ziele fern der Heimat ansteuere, und vor allem wenn ich an ihrem Erreichen festhalte. Ich habe nur bedingt Verständnis für das Leiden meine Knies, trotzdem tut es mir weh. Ich würde gerne helfen, aber nicht indem ich mein Fernweh zügelte. Schlussendlich wird es wohl auf einen Kompromiss hinauslaufen und wir werden das Leid möglichst gerecht verteilen. Oder einer von uns wird ganz schnell erwachsen, aber das sehe ich so gar nicht.
Im Gegenteil, da wartet noch eine ganze Menge pubertärer Trotz.

Gestik

Who is who in der Bibel

Mitunter lauert die Versuchung, wenn man das Museum bereits zur Gänze abgeschritten, vor jedem Meisterwerk geknickst, kurz vor dem Ausgang links. Da türmen sich die mitnehmbaren Devotionalien gerollt und gebunden, lackiert und gedruckt, neckisch oder edel. Jedenfalls In rauen Mengen und zu wenn nicht bezahlbaren so doch immerhin bedenkenswerten Preisen. Genau dort traf ich die beiden Damen, backfischhaft kichernd sich durch Handbücher zur hohen Kunst lesend, Das bräuchte man unbedingt, so die eine. Wozu denn um Gottes Willen, die andere. Fürs Kreuzworträtsellösen, blieb die erste die Antwort nicht schuldig. Das Argument überzeugte die zweite, die sogleich von einem besonders kniffligen zu berichten wusste, die unbeantwortet gebliebenen Frage wusste sie noch auswendig und der Ärger über die eigene Unwissenheit war noch lange nicht verraucht. Sofort wurde raschelnd und flüsternd geblättert. Und vielleicht sogar die Antwort gefunden, da war ich aber schon durch den Ausgang in die Sonne gestolpert.

» Rechter Arm eines Teufels dessen Hand einen linken Arm ergreift. « begrüßte mich ein absenderloses Fax bei der anschließenden Rückkehr zum Arbeitsplatz und da wäre ich doch glatt um ein wenig beistehendes Hintergrundwissen dankbar gewesen. So blieb mir nur, meinen linken Arm für den Rest des Tages im Blick zu behalten.