Gelage

Lass mich gehen

S'Abimer | © Anne Seubert

Immer wieder gelingt es, den Tag zur Nacht zu betten.
Immer wieder gelingt es, die Nacht zum Tag zu erwecken.
Immer wieder gelingt es, in der Mitte der Nacht, den Frühling zu spüren.
Immer wieder gelingt es.

Stülp dein Herz mir über den nackten Schädel,
lass mich gehen!

Immer wieder wagen wir den Schlaf der Gerechten.
Immer wieder wagt es der Sommeranfang, den Frühling zu verabschieden.
Immer wieder wagst du es, mich zu wecken.
Immer wieder gelingt es.

Dreh den Rücken mir zu, wenn du die Decke zurückschlägst,
lass mich liegen!

Immer wieder wollen wir mehr als uns lieb ist.
Immer wieder wollen wir das Runde in das Eckige schieben.
Immer wieder will ein Seufzer sich zwischen die Stillen schummeln, die da ausgebreitet sich räkeln zwischen uns.
Immer wieder will das Gras wachsen, auch wenn keiner zuhört.

Leg den Himmel einen Nadelstreifen tiefer, den Horizont in Falten,
Lass mich fliegen.

Immer wieder gelingt es, die Erde in beide Hände zu nehmen und einen Tag weiterzudrehen.
Immer wieder gelingt es, der Luft einen Duft anheim zu geben, der uns atmen lässt.
Immer wieder gelingt es, zwischen Ja und Nein eine Herberge zumindest für eine Nacht zu erweichen.
Immer wieder gelingt es, die Fragen zu wenden und ein Zeichen zu setzen.

Krempel den Ärmel bis zum Knie hoch, schlag den Bogen ellenweit.
Lass dich gehen.

Leise Vergnügungen

Leise Vergnügungen XII (Januar Edition)

Waldesruh | © Anne Seubert

# Die knarzenden Holzdielen mit nackten Füßen liebkosen, schon beim ersten Schritt in den Tag.
# Dem Duft des Kaffees in die Morgenstunden folgen, noch mit geschlossenen Augen.
# Das erste Licht des Tages auf Haut und Knochen willkommen heißen, gleichermaßen über Tischplatten streichelnd.
# Die Stille einatmen, Bauchatmung, you know.
# Tasten üben, mindestens drei Stunden am Tag, am liebsten auf Haut.
# Wärme in bauchige Flaschen füllen, die dich durch den Tag nähren.
# Suppen löffeln, in allen Schattierungen, und das Salz auf den Lippen spüren und hinten am Gaumen.
# Bitterkeit träufeln.
# Unter der Decke ein Paradies entdecken, das so nah wie fern, so offen wie schüchtern.
# Dem Nebel den Weg ins Gedächtnis zeigen und auf ein Blinddate mit der Stille einladen in dir.
# Zeit lassen und Traurigkeit, dem Raureif beim Reifen zuhören und der Erde beim Frieren.
# Mit der Dunkelheit kuscheln, unsichtbare Zärtlichkeiten austauschen, flirten sobald die Dämmerung einsetzt.