Gegenwart

Das Blau zu den Akten, den Nebel zu mir

Waldrand im Nebel | © Anne Seubert

Du legst das Blau zu den Akten, die Schönheit ins Auge des Betrachters und das Zögern auf’s Kreuz. Du lockst mich auf deine Fährte, das Rot auf meine Wangen und den Herbst auf die Probebühne, die Nebelmaschine läuft schon. Du flüsterst dem vor der Tür lungernden November deine Telefonnummer in den hochgeschlagenen Mantelkragen, dem Gelb mehr Mut zu Grün zu und mir Gänsehaut über die bloßgelegte Haut.

Du schweigst noch als wir gehen, du schweigst selbst als ich mir im Halbschlaf weiße Westen übers Negligé lächele, du schweigst mit geschlossenen Augen, als wüssten deine Lider jenseits des Sichtbaren alles, was Zähne zeigt und lächelt, alles was ausgedacht und über den Daumen gepeilt, alles, was sich mit den Fingern zählen lässt. Was zählt, schreibst du an, was den Schritt wagen lässt, diesen einen Schritt, der mehr Schreiten als Gehen, mehr Geste als Ausführung, der den Tanz eröffnet.

Ein Schritt, sagt man, mag den Takt angeben, die Reise beginnen, der Frage nahekommen – ich aber trau ihm nicht über den Weg, schon gar nicht über die Straße, zähle mit und gegen ihn alle nicht gegangenen Pfade auf, alle Weiten und Unbekannten, auch die Knopflöcher, und rufe doch nur Nähe hervor. Eine Nähe von dieser purpurnen, Wünschelruten beruhigenden, Wimpern zum Stehblues und den Atem wider Willen in Bredouille bringenden Tiefe, die sich als Nähe tarnt und doch alle Stockwerke ohne Aufzug bedient. Es sei, sagst du, was werden will ohne gewesen sein zu wollen, was heute noch grün, rot oder blau hinter den Ohren, die du für uns hinterlegt hast, man wisse ja schließlich nie, wie weit das Auge reicht.

Gelüste

Tanz unter dem Gewölbe der Gezeiten

Einsame Herbstlandschaft im Nebel, Thön | Anne Seubert

Behutsamkeit streiche ich mir auf die Lippen, bevor ich den Mund aufmache. Möge sie die Worte weich werden lassen, das Tal zu fluten und den Berg deiner Gedanken baden gehen lassen unter dem Blick eines Himmels, der noch lange nicht gezähmt die Wolken tanzen lässt statt die Stirn zu runzeln. Behutsam legt der Regen mir seine Tropfen auf die nackte Haut, jede einzelne eine Geschichte vom Wasser zwischen den Inseln, zwischen Ebbe und Erde, Himmel und Flut.

In Wellen legst du das Meer, bevor du deinen Fuß aufsetzt und den Himmel zum Tanz unter dem Sternengewölbe aufforderst. Deinen Fuß, der der Zehen fünf, der Worte nicht eines parat, fragt man ihn, wer hier Weg, wer Woge, wer Wasser. Dein Fuß, der den Tanz unter den Nägeln brennen lässt und die Wellen den Ton angeben: Ein Rauschen, so zart, dass der Himmel sich die Ohren zuhalten möchte nur um dann doch zu lauschen und sich hinzugeben, bis alle Wolken im Takt.

Dick Nebel aufgelegt, stecke ich mir beim ersten Schritt die eigenen Floskeln ans Revers, den Wegweiser auf Shuffle und den Wald auf Snooze. Möge der Wind uns holen und um die nächste Ecke bringen, wo die Musik spielt und der Boden ein Wellenbad aus Moos und Tannenspitzen. Behutsam nimmst du die Hände aus den Taschen, legst Wasser nach und den Nachmittag in unsere Arme.