Gegenwart

Mein Wille, geschehe!

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Ich will, dass du deine Augen schließt und mich anschaust. Dich träumen möchte ich, nächtelang.
Zum Tanz fordere ich dich auf, tanze, zu meiner Musik. Ich will, dass du mir gehörst, vom Scheitel bis zur Sohle. Sein möchte ich deiner Hände Arbeit. Ein fordere ich dich, ein und heraus, solltest du an der Schwelle zögern.

Hier ist ein Arm für dich und ein Schatten, ja, eine Krone auch und ein Herz. Halt inne und Ausschau, halte dich und mich und öffne, was sich öffnen mag, ein Auge, Lippen, eine Lunge. Ich atme dich ein. Ich halte dich hoch und heilig und über alles. Ich höre dich ab und deinem Atem die Stange. Sag jetzt nichts. Sag einmal nichts. Lass einmal zu und geschehen und weiche einer Frage nebst Antwort aus. Warte mal. Einfach ab und davon oder besser noch: Bleib.

Ich will, dass du bleibst wo mein Pfeffer wächst. Ich möchte deine Arme in mir, um mich und um mich herum. Um mich herum leg dich in Falten, geradeaus, leg dich, an die Wand leg dich, zu Füßen leg mir deine Welt und sei sie ein Wort nur. Ich fordere dich ein in mir, mit dem Gebrüll, dass du ausstößt wenn du kommst.

Geh nicht. Nicht einen Schritt. Nicht einen Schritt ohne mich. Nicht ohne mich weiter, nicht einen Schritt gehe. Komm.

Komm, mein Wille, geschehe!

Geliebte

Fensterbretter, die die Welt bedeuten

White Shoes | Anne Seubert

Auf dem Fensterbrett gehst du den ersten Schritt, Wörtchen,
selten nur laut, Weisspfötchens Abdruck ist ein leiser, tastender, einer der zuhört.
Selten nur alleine auch, du Wortlaute, Weibliche, die du dir mittels Sprache Gehör verschaffst: Letter für Letter auf Zeilen sortierend, die dir Boden und mir Inselzelle.

Die Einzelteile kennst du und doch: Jeder, der sich hier bewirbt, hat einen Laut mitgebracht,
einen, der sich schwarz auf weiß manifestiert, sobald er auftritt in einem Wort, das er sich nicht immer ausgesucht hat, dem er aber zu
Begrifflichkeit und Ausdruck verhilft.

Aussprechen, was ist, was geschrieben steht, was gedacht wurde, was sich anhäufen lässt,
in Reih und Glied, in Ordnung und Wundertüte. Denn was gelesen wird, steht auf einem anderen Blatt, spiegelt sich in der Scheibe, zuweilen fernab von dem was naheläge.

Der Wortlaut, juristisch, wortgetreu wiedergegeben, also Wort für Wort, genau das was da steht. Der Wortlaut gleichermaßen: Der Klang des Wortes jenseits dessen was geschrieben steht und ja, sogar ohne, dass es je geschrieben worden wäre. Wortlaut zuweilen auch mehr als ein Wort, als ein Laut, eine Anhäufung von Buchstaben. Wortlaut, du Molekül meiner Sprache.

Eine Laute, die sich mit Worten spielt, oder die Worte zum klingen bringt? Auch das: Diese Wortlaute, auf wievielen Seiten auch immer, wie laut oder leise der Klang, der sich zuweilen stumm gibt und doch zittern macht. Gerade da zittern macht, wo das Blatt weiss und die Stimme leer. Wie klingst du, weiß, das sich hinter den Stäben drängelt, sobald ein Wort eine neue Seite eröffnet?

Beim Wort, nehm ich dich, an die Hand nehm ich dich, lauthals nehm ich dich, in den Arm nehm ich dich, Wortflüchtiger, lass verlautbaren was du in mir klingen machst, wenn ich dich ausspreche, aufschreibe, suche und sammele, lese und lagere. Mein Fensterbrett sei Zeuge.