Gedanken

Die Visitenkarten der Wahrheit

Glücklich der der von sich sagen kann, ich habe eine Träne getrocknet | ©  ånne Seubert

Ist die Wahrheit ein Ort oder eine Zeit, fragst du mich zwischen erstem und zweitem Kaffee und ich vermeine, die Wahrheit schmunzeln zu sehen. Wer bewahrheitet sich zuerst, wenn ich hinschaue, und welche Augenfarbe hat die Wahrheit, wird sie rot wenn ich ihr in die Augen sehe? Zwei Sekunden? Wie toll das wäre, würde ich mich das trauen und dann ganz gelassen auch zuerst blinzeln und diesen Moment nie vergessen. Meine Wahrheit wäre eine auf Augenhöhe, mit nur einem Anflug von Augenringen und zarten Krähenfüßchen beidseits, die man nur bemerkt, wenn man ihr nahe kommt. Nahe genug. Besuche wären ok, dann und wann, Körperkontakt allerdings würde sie meiden und überhaupt wäre sie eher so der Solitär. Wobei, meine Wahrheit? Besitzen ließe sie sich nicht. Austauschbar wäre sie nicht. Reise- und diskutierfreudig, das schon. Meine Suche nach der Wahrheit hat begonnen.

Hast du schonmal eine Wahrheit verschenkt, frage ich zurück, auch um Zeit zu gewinnen, und denke an Seidenpapier und die japanische Tradition, Visitenkarten immer mit beiden Händen zu überreichen. Was stünde auf der Visitenkarte der Wahrheit? Zahlt sie bar oder mit Karte? Worin macht eine Wahrheit Karriere? Geht es ihr um Reichweite oder Relevanz? Kennt sie ihren Markt? Ist sie beziehungsfähig? Monogam? Ich möchte Teil einer Wahrheit sein, denke ich beim nächsten Schluck Kaffee und stelle mir den Ort vor, an den ich dazu reisen müsste. Es wäre ein guter Ort, einer von denen, an die man zurückkehren möchte, wie ein Mensch, der einem dieses Gefühl von Geborgenheit gibt, ohne etwas zu versprechen, der ist, ohne sein zu möchten. Der sich selbst in Frage stellt ohne ins Stolpern zu kommen. Einer mit Stand- und Spielbein, ein Tänzer?

Drei Aufforderungen zum Tanz später ist der Tag in die Gänge gekommen, aber das Wahre war noch nicht dabei, viel Zweifel, viel Vermutung, viel Sehnsucht auch, aber wenig Greifbares, das man an die Hand, in die Arme nehmen und in Stein meißeln, das man an Häuserwände schreiben möchte. In Ohren raunen! Wer bestimmt über Wahrheit und Lüge? Kennen sich die beiden? Wer hat sie einander vorgestellt? Wo fand das erste Treffen statt und wie konspirativ wurde es? Und falls nicht, was liegt zwischen ihnen: ein Fluß, ein Berg, eine Reise? Oder doch eher Zeit?

Liebe Wahrheit, wie wichtig ist es dir, gehört zu werden? Stehst du gern auf Bühnen oder lieber im Hintergrund? Bist du Ästhetin? Wie dicht arbeitest du mit den Jungs von der Beweisführung zusammen? Gibt es ein Protokoll eurer Treffen? Hast du manchmal Angst? Machst du dir Gedanken über das Alter? Magst du lieber Briefe oder SMS, Anrufe oder persönliche Treffen? Warst du schonmal in Delphi? Wo machst du Urlaub? Und mit wem? Ich stelle mir die Wahrheit am Strand vor und im Museum, auf Kreuzfahrt und auf der Ski-Piste, mit Wanderstiefeln und im Bikini, beim Sprachenlernen und Pizzaessen. Wieviele Wahrheiten sprichst du, liebe Truth?

Ich kann die Wahrheit nicht vergessen, verrätst du am Abend, und ich sehe dir an, wie sehr ihr euch nahe gekommen seid. Ohne Eifersucht, Wahrheit ist gut teilbar, stell ich fest. Sie wird dick und rund wenn man sie lässt und strahlt, wenn du sie teilst. Die Wahrheit ist eine von den Großen, sie trägt ihren Schatten wie einen offenen Mantel, wie einen Schirm auch, unter dem man sich einfinden kann, wenn die Zweifel zu dicht regnen und ein Gewitter sich ankündigt, verrätst du mir beim Kochen und ich koste einen Löffel Sauce an Wahrheit, den du mir an die Lippen führst, und schmecke die Ruhe, die du meinst. Besuchen wir sie am Wochenende?

Gegenwart

90-60-90 Punkt. Landung. Brücke

Du fällst auf, nicht nur mir,
eindrücklich gebaut, offene Arme, Substanz mit Bodenhaftung –
Anmut, fast Grazie, ich nenne es Punktlandung.

Du trägst das Haar offen,
fein gezeichnete Silhouette, wilder Scheitelzug,
Körperspannung bis in den nackten Zeh, den du kokett silbern lackiert hast.

Du lachst im Gehen und doch immer auf Augenhöhe
nie über immer mit mir. Über uns auch. Am Ende vor allem.
Du springst über Zeilen, öffnest Klammern, fließt.

Sei Fluß mir. Delta. Charly? Delta! Sei armbreit offen und über alle Wipfel geborgen.
Sei felsenfest zart bis in die Haarspitzen und bis über beide Ohren unter Wasser, weil da das Küssen salziger schmeckt.
Sei Raum und Rate, Rigips und Rahmen, Tür und Tante Emma Laden, sei mir.