Gemäuer

¿La vida es silbar, no es verdad?

Manche Gedanken schaffen es in fremden Sprachen in mein Leben. Flüstern mir ihre Wahrheiten auf Spanisch ins Ohr, versuchen mich auf Englisch zu überzeugen, auf Französisch zu bezirzen. Und ja, mitunter gelingt es. Geradezu mühelos steht dann da, das Leben sei ein Pfeifen (La vida e silbar / Life is to Whistle), und wer wäre ich zu widersprechen. Die englische Kaltschnäuzigkeit, mit der die Liebe zu allen möglichen und unmöglichen Gelegenheit in Anspruch genommen wird, müsste eigentlich zu einer völligen Entwertung führen. Gerade mal, dass der Clerk im Späti mir nicht mit I love you einen schönen Abend wünscht, aber sonst? I love you, I love you, I love you, während in meinem heimischen Dialekt die Wortfolge gar nicht aussprechbar, und auch im Hochdeutschen Sprachgebrauch nur sehr bewusst ausgewählt wird.

Und so bin ich dankbar, mit all diesen Sprachen zumindest soweit vertraut zu sein, dass mich diese Nuancen erreichen, so aufmerksam zu sein, dass mir die Sinnherstellungen auffallen und so linguistisch geschult, Herr Rosenberg sei Dank, dass ich die Abweichungen von bekannten Mustern erkenne, oder sie mich zumindest irritieren. Zugleich aber umfängt mich jedesmal die Ahnung, dass ich nur eine kleine Parzelle der unendlichen mir weiterhin fremden Sprachlandschaft erhasche, wohl wissend, dass mit jedem Stück Vertrautheit in einer anderen Sprache mir das Sprachgefühl in meiner Muttersprache verlustig geht, weil allzu oft erlebt. Da freut man sich gerade, der Konversation auf Portugiesisch folgen zu können und merkt zugleich, wie die Fabulierfreude in der deutschen Sprache umgekehrt proportional abnimmt.

Im Laufe der Jahre zeigte sich auch, dass, ob ein Satz sich in mir hält, zunächst weniger damit zu tun hat, wer ihn mir übermittelt hat, sondern eher, in welcher Zeit er mir begegnete, und also, wie aufgeschlossen, wie sehr ich auf der Suche war. Manche entstammen Songtexten, andere gehören zu Gedichten, zu Aufsätzen oder zu Filmdialogen. Manchen habe ich einen Sinn gegeben, den sie in ihrem Originalkontext gar nicht hatten, merke ich bei späterer Betrachtung nicht selten.  Zum Beispiel bei dem Satz, den  Regisseur und Hauptdarsteller  Clint Eastwood in “Den Brücken am Fluss” den Photographen Robert sagen lässt:  “The human heart has a way of making itself large again even after it’s been broken into a million pieces.”, der mich oft hat wieder aufstehen lassen, in allem anderen als romantischen Kontexten.

“On ne naît pas femme : on le devient”, seinerzeit von der französischen Philosophin Simone de Beauvoir proklamiert, klingt auf französisch staatstragend, auf deutsch lange nicht so. Vielleicht auch weil im französischen femme eine andere Definition von Frau und im französischen devenir zumindest für mich ein anderer gesellschaftlicher Druck, ergo das gemacht werden enthalten ist? Aber ist dem so? Und wenn ja, warum? Und da sind wir schnell bei Referenzen und Metaphern und warum sie wie funktionieren und wieviel Klischee und kollektives Verständnis und damit eben Deutungshoheit oder doch zumindest Anspruch auf eben diese sich darin ausdrückt. Nicht einfach, nicht un-komplex, aber reizvoll.

Ich versuche noch ein Beispiel. Im alemannischen Dialekt und im Schweizerdeutschen gibt es den Ausdruck zwäg,  irgendwann in den 80ern oder 90ern auch in einem Werbespot für den elenden Schokoriegel Mars genutzt.

In diesem Wort steckt alles drin, was Longegivity-Produkte uns heute verkaufen wollen: Gesundheit, Fitness, Attraktivität, Smartness, Ausdauer, Bereitschaft, you name it. In der betont lässigen Kombination, oft als Frage “Bisch zwäg?” formuliert, wird das in der konkreten Situation für die beiden in das Gespräch involvierten am besten passende Attribut abgefragt, während die anderen aber alle mitschwingen. Love it!

Und last but not least, sang in einem Film über Charles Bukowski eine norwegische Frau namens Kristin Asbjœrnson mit ihrer Band Dadafon so immersiv It’s just a slow day, dass mir jeder Versuch der Übersetzung im Halse stecken blieb, weil der langsame Tag nichts von dieser somnambulen Trägheit in sich zu tragen vermag, egal wie ich ihn intoniere, oder wer ihn mir wannauchimmer schmackhaft zu machen versucht.

Geliebte

Fernweh als Soufflé

du, sagt das meer
und schenkt dir eine insel
mit blick auf den horizont und
einem strand mit nackten füßen

nö, sagt der wind
und bläst dir das wasser um die ohren
dass dir sehen und hören vergeht
ich setze auf land

komm, sagt das land
und legt alle ozeane auf eis
schäumt großzügig uferlandschaften auf
und serviert fernweh als soufflé