Geliebte, The Story behind the Picture

Erik Spiekermann oder: Buchstaben mit Haltung

Am Wochenende hat Erik Spiekermann den Gutenberg-Preis gewonnen. Man könnte nun aufzählen, was Erik alles “ist”: Typograf, Schriftgestalter, Unternehmer, Autor. Man könnte FF Meta nennen, ITC Officina, FontShop, die Agenturen, die Systeme, die Marken, die Bücher, die Sätze, die erst durch seinen Kopf und dann durch seine Händen und Maschinen gegangen sind. Man kann ruhig sagen: einer der großen Gestalter unserer Zeit und würde nicht übertreiben. Und zugleich ist Erik viel mehr und würde ich ihn vermutlich für anderes auszeichnen. (Danke, liebe karin Schmidt-Friderich für die Laudatio!) Zumindest auch.

Als Lyrikerin und Ästhetin weiß ich in ihm einen Komplizen wenn es um Prägnanz und Formvollendung und ja um Sprache und ihre Großartigkeiten und Regeln, ihre Möglichkeiten und ihre Manifestation in Lettern und Satzzeichen geht. Als Kulturanthropologin schätze ich seine Gestaltungslust und Menschenliebe, seine Neugier, sein Wissen, seine Eloquenz und nicht zuletzt seine Freude daran, seine  Meinungen im Dialog zu entwickeln. Für mich steht Erik Spiekermann zuallererst für seine Haltung – der Welt, den Dingen und den Menschen gegenüber. Und dann erst kommt die hoffentlich noch lange nicht endende Liste seiner Kompetenzen und Werke.

Buchstaben mit Haltung
So steht Erik für mich für die seltener gewordene Verbindung von Hand und Kopf. Für ein Denken, das nicht über den Dingen schwebt, sondern sich die Finger schmutzig macht. Für einen Intellekt, der weiß, dass ein Millimeter entscheiden kann. Dass ein Buchstabe nicht bloß ein Buchstabe ist, sondern ein Verhältnis herzustellen vermag: zwischen Mensch und Welt, zwischen Absicht und Form, zwischen Denken und Kommunizieren.

Typografie verkommt bei ihm nie zur Dekoration, Design ist keine Attitüde, sie kommuniziert seine Ethik im Sichtbaren. Sie fragt nicht: Wie kann ich beeindrucken? Sondern: Wie kann ich dienen? Wie kann Information zugänglich werden, schön ohne eitel zu sein, klar ohne kalt zu werden, funktional ohne die Seele zu verlieren? Das ist vielleicht das, was ich an ihm am meisten schätze: diese Integrität des Machens. Diese Unbestechlichkeit, die nicht laut wird, sondern in jedem Detail steckt. In der Konsequenz und der Genauigkeit, mit der er ausführt und in der Weigerung, Schlamperei für Freiheit zu halten oder Geschmack für bloße Geschmackssache.

Ein Dienstleister & Ästhet, einer der mitdenkt
Erik ist ein Ästhet, aber keiner, der Ästhetik als Ausflucht benutzt. Schönheit ist bei ihm nicht Schmuck, sondern Ordnung, nicht Glanz, sondern Stimmigkeit. Etwas ist schön, wenn es seiner Aufgabe gerecht wird, wenn es stimmt.  Und wenn man merkt, hier hat jemand mitgedacht, nicht nur für sich, sondern für die anderen. Vielleicht ist das überhaupt eines seiner größten Talente: Mitdenken. Weiterdenken. Vorausdenken. Er gestaltet nicht nur Buchstaben, sondern Situationen. Er denkt an die Augen, die lesen, an die Menschen, die sich orientieren müssen, an Müdigkeit, Tempo, Alltag, Nutzungsszenarien.

Ob Bahnhöfe, Bildschirme, Bücher, Straßenschilder, Verpackungen, Interfaces – all das sind für ihn Möglichkeiten, Kommunikation zu vereinfachen. Ob das schon Kunst ist? In jedem Falle Kultur. Und dann ist da diese Liebe zum Detail. Ein gefährliches Wort, weil es oft so niedlich klingt. Als ginge es um hübsche Kleinigkeiten. In Wahrheit ist Detailarbeit eine Form von Respekt. Wer Details ernst nimmt, nimmt Menschen ernst. Wer Zeilenabstände, Laufweiten, Kontraste und Kanten ernst nimmt, sagt damit: Es ist nicht egal, wie wir einander begegnen. Und es ist nicht egal wie uns Texte begegnen, auch nicht im Vorübergehen.

Der Ruf der Buchstaben
Ein Mann ein Buchstabe. E wie Erik. A wie Anstand. Erik Spiekermann hat früh seine Berufung gefunden, könnte man sagen. Oder seine Nische. Aber Nische klingt zu klein für das, was er daraus gemacht hat. Vielleicht war es eher ein Schicksal, das er angenommen hat, dessen Möglichkeiten er erkannt und bis in die Untiefen ausgelotet hat. Nicht überall ein bisschen, sondern an genau dieser Stelle so genau, dass diese Stelle plötzlich Welt enthält. Darin liegt auch eine leise Ermutigung. Man muss nicht alles werden, man muss nicht jedem Trend folgen, man darf eine Spur aufnehmen und ihr treu bleiben, darf sich verbeißen, vertiefen, verfeinern. Wenn man Erik Spiekermann heißt, darf man ein Leben lang an Buchstaben arbeiten und dadurch über weit mehr sprechen als über Buchstaben: über Klarheit, Verantwortung, Sprache, Arbeit, Öffentlichkeit, Anstand.

Denn ja, in Spiekermanns Werk steckt auch so etwas wie Moral, wie Leadership, wie Werteorientierung. Nicht als Managementfloskel, sondern als gelebte Haltung. Führung heißt hier nicht, andere zu übertönen. Sondern Standards zu setzen. Dinge besser zu machen, weil schlechter auch ginge, aber nicht genügen darf. Widerspruch auszuhalten. Unbequem zu bleiben. Werte nicht erst dann zu haben, wenn sie auf eine Folie passen. Und zugleich ist da nichts Asketisches. Kein verkniffener Ernst. Eher ein worky Hedonist, wenn man das so sagen darf: einer, der arbeitet, weil Arbeit Genuss sein kann, wenn sie sinnvoll ist. Einer, der Präzision liebt und offenbar auch das Leben. Der das Gute und Schöne und Köstliche auch im Genuss zu schätzen weiss, ob als Affogato, bitter, süß, wach, cremig, mit einem Schuss Übermut, oder als knusprigen Cantuccini.

Ausgezeichneter Genießer
Vielleicht ist das die schönste Pointe: Dass jemand, der so viel über Lesbarkeit und Akkuratesse weiß, selbst so lustvoll geblieben ist. Kantig, klar, eigensinnig, aber mit der Lust, der Sinnlichkeit, und der selbstironischen Souveränität, die uns als Menschen eben auch auszeichnet. Einer, der weiß, wann Genauigkeit angebracht und wann Größe zu zeigen ist. Der weiß, dass Gestaltung nicht erst dort beginnt, wo etwas besonders aussieht, sondern dort, wo jemand Verantwortung übernimmt für das, was andere sehen, lesen, benutzen, verstehen.

Der Gutenberg-Preis ehrt einen Gestalter. Aber er ehrt, wenn man genau hinsieht, auch eine bestimmte Vorstellung von Welt: In der Form Bedeutung trägt, Kommunikation Sorgfalt verdient. In der Schönheit und Alltag sehr wohl zusammengehören, je mehr desto besser. Und in der ein Buchstabe, richtig gesetzt, mehr sein kann als ein Zeichen, ein Zeichen für Haltung, die wir so nötig haben in diesen Zeiten.

Mehr von und zu Erik Spiekermann unter:
https://spiekermann.com

Gemäuer

¿La vida es silbar, no es verdad?

Manche Gedanken schaffen es in fremden Sprachen in mein Leben. Flüstern mir ihre Wahrheiten auf Spanisch ins Ohr, versuchen mich auf Englisch zu überzeugen, auf Französisch zu bezirzen. Und ja, mitunter gelingt es. Geradezu mühelos steht dann da, das Leben sei ein Pfeifen (La vida e silbar / Life is to Whistle), und wer wäre ich zu widersprechen. Die englische Kaltschnäuzigkeit, mit der die Liebe zu allen möglichen und unmöglichen Gelegenheit in Anspruch genommen wird, müsste eigentlich zu einer völligen Entwertung führen. Gerade mal, dass der Clerk im Späti mir nicht mit I love you einen schönen Abend wünscht, aber sonst? I love you, I love you, I love you, während in meinem heimischen Dialekt die Wortfolge gar nicht aussprechbar, und auch im Hochdeutschen Sprachgebrauch nur sehr bewusst ausgewählt wird.

Und so bin ich dankbar, mit all diesen Sprachen zumindest soweit vertraut zu sein, dass mich diese Nuancen erreichen, so aufmerksam zu sein, dass mir die Sinnherstellungen auffallen und so linguistisch geschult, Herr Rosenberg sei Dank, dass ich die Abweichungen von bekannten Mustern erkenne, oder sie mich zumindest irritieren. Zugleich aber umfängt mich jedesmal die Ahnung, dass ich nur eine kleine Parzelle der unendlichen mir weiterhin fremden Sprachlandschaft erhasche, wohl wissend, dass mit jedem Stück Vertrautheit in einer anderen Sprache mir das Sprachgefühl in meiner Muttersprache verlustig geht, weil allzu oft erlebt. Da freut man sich gerade, der Konversation auf Portugiesisch folgen zu können und merkt zugleich, wie die Fabulierfreude in der deutschen Sprache umgekehrt proportional abnimmt.

Im Laufe der Jahre zeigte sich auch, dass, ob ein Satz sich in mir hält, zunächst weniger damit zu tun hat, wer ihn mir übermittelt hat, sondern eher, in welcher Zeit er mir begegnete, und also, wie aufgeschlossen, wie sehr ich auf der Suche war. Manche entstammen Songtexten, andere gehören zu Gedichten, zu Aufsätzen oder zu Filmdialogen. Manchen habe ich einen Sinn gegeben, den sie in ihrem Originalkontext gar nicht hatten, merke ich bei späterer Betrachtung nicht selten.  Zum Beispiel bei dem Satz, den  Regisseur und Hauptdarsteller  Clint Eastwood in “Den Brücken am Fluss” den Photographen Robert sagen lässt:  “The human heart has a way of making itself large again even after it’s been broken into a million pieces.”, der mich oft hat wieder aufstehen lassen, in allem anderen als romantischen Kontexten.

“On ne naît pas femme : on le devient”, seinerzeit von der französischen Philosophin Simone de Beauvoir proklamiert, klingt auf französisch staatstragend, auf deutsch lange nicht so. Vielleicht auch weil im französischen femme eine andere Definition von Frau und im französischen devenir zumindest für mich ein anderer gesellschaftlicher Druck, ergo das gemacht werden enthalten ist? Aber ist dem so? Und wenn ja, warum? Und da sind wir schnell bei Referenzen und Metaphern und warum sie wie funktionieren und wieviel Klischee und kollektives Verständnis und damit eben Deutungshoheit oder doch zumindest Anspruch auf eben diese sich darin ausdrückt. Nicht einfach, nicht un-komplex, aber reizvoll.

Ich versuche noch ein Beispiel. Im alemannischen Dialekt und im Schweizerdeutschen gibt es den Ausdruck zwäg,  irgendwann in den 80ern oder 90ern auch in einem Werbespot für den elenden Schokoriegel Mars genutzt.

In diesem Wort steckt alles drin, was Longegivity-Produkte uns heute verkaufen wollen: Gesundheit, Fitness, Attraktivität, Smartness, Ausdauer, Bereitschaft, you name it. In der betont lässigen Kombination, oft als Frage “Bisch zwäg?” formuliert, wird das in der konkreten Situation für die beiden in das Gespräch involvierten am besten passende Attribut abgefragt, während die anderen aber alle mitschwingen. Love it!

Und last but not least, sang in einem Film über Charles Bukowski eine norwegische Frau namens Kristin Asbjœrnson mit ihrer Band Dadafon so immersiv It’s just a slow day, dass mir jeder Versuch der Übersetzung im Halse stecken blieb, weil der langsame Tag nichts von dieser somnambulen Trägheit in sich zu tragen vermag, egal wie ich ihn intoniere, oder wer ihn mir wannauchimmer schmackhaft zu machen versucht.