Gelüste

Schrittzugabe

Einen hast du hinter mich gestellt, da fiel ich noch nicht, sondern hielt was der Glauben mir ließ, mit beiden Händen mir vors Gesicht und dir ans Ohr, wir nahmen beide nichts wahr, nur Zeit, die verging, eine Sekunde nach der anderen auf ihren Rosenkranz fädelnd, der längst nicht mehr blüte, sondern volle Frucht darbot, vor der du zurückwichst, wie einer, der das Hungern aus dem Ärmel, den Appetit aber , naja, du weisst schon, vortreten ist deine Sache nicht, du steigst im Schatten aufs Pferd und in der Dunkelheit erst wieder ab. Ich aber tanze im Regen.

Noteingang steht auf keinem deiner Namensschilder, dabei bist du mir genau das, blind eingeschlagener Gang in der Not, immer geöffnet dann, wenn ich klopfe, vermutlich auch sonst, aber wer könnte das bezeugen, weiß doch niemand, dass unter deinem Knopfloch ein Herz schlägt, das Tränen auf der Durchreise durchfüttert und der Ohnmacht ein Bett anbietet, auch wenn keines mehr frei, du hast es nicht ausgeschrieben, ich nie ausgesprochen, und doch wäre das der Titel unseres Kapitels, wenn wir uns denn auf eines einigen könnten, aber noch ist der Cliffhänger nicht von der Leine und du nicht im Bett.

Und dann ist plötzlich Winterzeit und aus der sieben wird ohne unser Zutun eine sechs, auch wenn es draußen bereits dunkel wie acht und die Magengrube ausgehoben, wir stehen da unser Servus in der Hand wie einen angebissenen Krapfen der falschen Sorte, würden wir doch viel lieber den Schritt aufeinander zu angehen, statt im Kopf bereits mögliche Ausgänge durchzudeklinieren und heimlich nach der Klinke Ausschau zu halten, die nicht nur weiß wie man die Tür öffnet, sondern auch dazu in der Lage, sobald sich jemand findet, der sie hält.

Und dann halt ich dich und dann fall ich und dann hältst du mich und ich falle mit der Tür ins Schloß, die du aufhältst und ich schließe mit allem was dazugehört samt Turmfalken und Happy Ending, samt Lektorat und Fadenheftung.

Gegenwart

Zu früh?

Manchmal wird alles anders gut als gedacht, der erste Zug zu spät, der letzte pünktlich im Gleis, der Fremde am Ausgang mit dem Kind auf den Schultern ein alter Freund, der Weg zum Bus plötzlich möglich – Schönen Feierabend wünscht der letzte Fahrgast beim Aussteigen, morgen wieder Kaffee auf Gleis 4?

Gerne, weiß die Fahrerin die Vertrautheit zu bestätigen, man sorgt für sich mit kleinen Gesten, ich suche nach Kleingeld für die Fahrt überland, länger als bis die Dämmerung der Dunkelheit Platz macht, die beiden kennen sich gut, Handschlag und Abgang, ich nestele immer noch an der Nachkommastelle, passend ist wichtiger als pünktlich.

Wir fahren zusammen los, der Bus hat Nachsicht, ich zwar kein Tageslicht zugebucht, aber das Kleingeld findet sich und die Kreuzung hält so lange die Stellung, bis wir abbiegen, und meine Finger rutschen in der Kurve nah genug an die vergessene Schokolade in der Jackentasche, um zu knistern, Brot war gestern, heute läuten wir den Advent ein, zu früh.