Gegenwart

Tage in Aspik

Fernwehen | Anne Seubert

Wenn einer deine Lippen sucht und am Kinn strandet, könnte Fernweh dahinter stecken. Diese fieberlose Variante, die den Alltag nicht gelten lässt, egal wieviel Mascara er trägt und welche Augenfarbe heute. Heiserkeit ist dann keine Ausrede, es gilt, das Anlegen zu üben, Manöver für Manöver, und die Kichererbsen schonmal zu wässern, better safe than sorry, allem voran was die Eiweißversorgung betrifft.

Und dann ist plötzlich Abend und das rettende Ufer deiner Lippen immer noch weit entfernt, geschweige denn, dass ein Mund offen stünde. Stattdessen nichts als Wangen, soweit das Auge blickt, ein Grübchen im Halbschatten, das nach einer Brücke ruft, die erst noch gebaut werden möchte, aber da kommt auch schon die Flut und ich bin froh, an Land gehen zu dürfen und genieße die Aussicht im Rückspiegel.

Landgang, sei was für Anfänger murmelst du und ich bin froh, den Lippen wenigstens so nahe gekommen zu sein, dass deine launigen Bemerkungen auch bei nur mäßigem Wind Gehör finden. Das durch sie ausgelöste Lächeln spüre ich sogar bis ans linke Ohrläppchen, das schon immer etwas feinfühliger, während das andere traditionell jener Strähne Halt bietet, die du lieber frei siehst, ich aber regelmäßig hinter dem Ohrläppchen geborgen zur Ruhe zu bringen versuche, Fernweh hin oder her.

Gelüste

Irgendjemand spielt Klavier

Rügen 2021 | © Anne Seubert

Moment, sagst du, und ich
Warte

Im Garten lacht einer, das Beet
ist eines, in das ich meine Hände grabe
als gäbe es etwas zu heben,
einen Schatz, von dem nur ich weiss
dank einer Karte, die du nur mir verraten hast
und es ist ein Schatz, den meine Hände
weniger heben, denn hüten

Moment, sagt du, und ich
Warte

Am Himmel singt einer, der Stimme nach
könnte es ein Vogel sein, der
des Fliegens müde ein zweites Standbein aufgetan
und gleich lautstark zum Tanzen gebracht hat
und wie immer spielt einer
spielt irgendjemand Klavier
es könnte ein Flügel sein.

Moment, sagst du, und ich
Warte
Das Wunder kommt gleich.