Gelage

Stürmische Begegnung

Der Sturm, Globe Theater, Berlin 2020 | © Anne Seubert

Der Wahrheit, die Ihr sagt, fehlt etwas Milde
Und die gelegne Zeit: Ihr reibt den Schaden,
Statt Pflaster aufzulegen.
William Shakespeare, Der Sturm

Stadt, Land, Sturm waren angekündigt, doch die Stadt zeigte Milde und bettete den Norden Charlottenburgs in mildes Sonnenlicht. Ein hölzerner Reigen erwartete uns, aufgetürmt und nur scheinbar zugänglich, in seiner Mitte ein Meer von Stühlen, ein jeder eine Insel für sich und doch zu Nähe bereit, Boden bietend für ein Drehkreuz, das uns alle einließ und dich neben mich setzte.

Der Himmel loderte noch, da wurden wir gerufen, den Steig zu betreten, den Platz zu wählen, das Schauspiel zu betreten, das uns gleich umtosen, bezirzen und entführen würde in eine Zeit, in der Schiffe noch gesegelt, Geister noch gezähmt und Ehen noch geschlossen wurden, in der der Sturm die Kraft hatte zu vereinen.

Stürmische Begegnung, raunst du, und zückst das Notizbuch, die Worte, die uns kredenzt, möchten wir uns in die Hosentaschen packen, die Spiele uns notieren, noch während wir mit uns spielen lassen, das Haupt mal nach rechts, mal nach links, mal kopfüber dem Verstand durch die Brust und beim Humor links durch Ohrläppchen zurück auf’s Trapez wendend, auf dem gerade geprobt wird für den großen Auftritt, wenn auch Gäste kommen dürfen, 100 an der Zahl wären erwünscht, 120 dürfen es auch werden.

Der Himmel ist gnädig und rollt die Leinwand auf, auf der ihr euren Kampf um Liebe und Vergebung zum Besten gebt, mit einer Inbrunst, die uns mit dem aufziehenden Abendwind um die Wette schaudern lässt, gut dass ihr Decken unter Deck führt und Rum, der in Weinflaschen daherkommt und doch die Seele wärmt, als wäre er im Fass gelagert über die Weltmeere oder doch zumindest das Mittelmeer gereist gekommen. Es ist Salz in der Luft, ich schmecke es deutlich und lache, weil die Schöne dem Bräutigam gerade das Vierkant aus der Hand nimmt, grazil wie gerecht das Gewicht der Last verteilend, das an diesem Abend aus den Angeln auch der Verwaltung gehoben wird.

Ihr spielt, als wäre, ihr sprecht als wärt ihr nicht, ihr rennt, tobt, jaucht und juchzt als wüsstet ihr um eine Gerechtigkeit, die uns längst verloren, die sich anbeten lässt und bezaubern. Als ginge es um irgendwas und als wir noch zaudern, Ja zu sagen, legt ihr uns eure Träume in Stoffbahnen an die Wand. Bilder werden wir mitnehmen, Glaube, Liebe. Hoffnung auch, und jede Menge Zärtlichkeit. Ein Wort ist nicht nur ein Wort, es ist ein Gefäß, in das du legen kannst, was du mir schenken magst, heute, oder vielleicht auch nur in diesem einen Augenblick, in dieser Begegnung, die so flüchtig sie daherkommt, der Stoff ist, aus dem die Träume sind, die, nie noch schlafen und die, die heute schon den Mut haben, gelebt zu werden.


Inspiriert von der Voraufführung des Globe Ensemble Berlin – DER STURM von William Shakespeare – DANKE EUCH!

Mit: Anselm Lipgens (Prospero), Benjamin Krüger (Ferdinand, Sebastian), Nadja Schimonsky (Miranda, Adrian), Peter Beck (Alonso, Stefano), Saskia von Winterfeld (Gonzalo, Caliban), Uwe Neumann (Antonio, Trinculo), Wiebke Acton (Ariel)

Regie: Jens Schmidl / Musik: Bernd Medek / Bühne: Thomas Lorenz-Herting / Kostüme: Katharina Piriwe / Dramaturgie: Josephine Tietze / Grafik + Fotos: Elitza Nanova / Übersetzung + Produktion: Christian Leonard

Aufführungen: 23. Juli 2020 (Premiere), donnerstags bis samstags vom 23.7.- 15.8. und vom 10.9. – 12.9.2020, jeweils 19:30 Uhr.

Einlass 19:00 Uhr, die Kasse öffnet um 18:00 Uhr. Tickets ab 15 Euro unter www.globe.berlin

Gestern

Was ein Buch sein kann und möchte

Für R.

Deine Träume, die du nächtens notiert, aber dir nicht gemerkt hast.
Der Weg, den du gekommen bist.
Der Weg, den du gehen möchtest.
Das Wasser, das den Fluss genommen hatte, um ins Meer zu fließen, und am Berg Rast eingelegt und auf dich gewartet hatte.
Die Geschichte, die du mir auf dem Silbertablett serviert hattest, noch bevor wir uns duzten.

Das Lächeln, das seinen Anfang in der Sonne nahm und dann dem Schatten ein Halleluja abtrotzte.
Unsere Briefe.
Omas Rezepte.
Das Wetter vor 15 Jahren.
Die Liebesbriefe, die ich auf dem Flohmarkt gefunden hatte.
Meine Träume, die sich beim Aufwachen die Klinke in die Hand geben und der Realität den Kaffee ans Bett bringen.

Die Zartheit, die tags keinen Raum hat und der Regen, der sich nie gewollt fühlt.
Der Mut, der schon ewig mal auf die große Bühne wollte, aber bislang in der Hosentasche versackt ist, das angetrunkene Wegbier immerhin schon in der Hand.
Die Albernheit, die immer zuerst Feierabend macht, auch wenn die Mittagspause noch gar nicht begonnen hat.
Der Ernst der Lage, der nie zu spät kam, und trotzdem nie genug Platz hat.
Die Frage, die im Raum steht, als wären wir alle nichts als Statisten, und die uns zuweilen ihr Zeichen auf die Stirn prägt, als wüsste sie, es wäre das letzte Mal, das wir so jung zusammenkämen.

Der Platz, den du mir freihältst.
Die Kurve, die du schneidest als wäre sie Brot, in die du dich legst, so geschmeidig, als wäre Gymnastik dein Metier und Gjanduja mehr als Nachtisch.
Der Punkt, auf den du kommst, als wir der Stille Raum geben.
Das Mädchen, das mit dir ihr Schulbrot teilte und die das Geheimnis der Schramme am linken Knie kennt. Als einzige.
Die Traurigkeit, die plötzlich über Hand nimmt.

Die Reise, die immer anstand und nie stattfand.
Das Meer, das dem Horizont den blauen Teppich ausrollt und den Wellen eine gute Mutter ist.
Die Zeile, die nicht Teil des Gedichts sein wollte.
Das Gedicht, das sie auswendig kann.
Die Stille, die der Winter in sich trägt.

Die Bilder auf Halde.
Die Blätter im Salat, diese grünen, satten.
Der Appetit, den du dir aufgehoben hast.
Die Sehnsucht, die nur spanisch spricht.
Der Boden, den du suchtest für die eine Pflanze Mensch und der dir einen ganzen Garten schenkte, was sag ich einen Wald leuchtender Säulen, die die Beine von Engeln sind.