Gegenwart

was wenn ich sitzen bliebe

erst nicht schlafen können
um vier uhr in der früh dann
nicht mehr schlafen können
und mit dem dritten kaffee
macht sich ex abrupto
das gute gefühl wieder breit
i made it through
once again

im morgen geborgen
allein mit der erwachenden stadt
mit putzmännern
und notdurft verrichtendem getier
mehr oder minder verleint
errötet der himmel so machtvoll
wie angemessen zurückhaltend
dem guten gefühl auf erden
spalier hauchend

auf dem weg nach trieste
sagt der zug
der mich mitnehmen will
unverschämt gut kennt er mich
die ich auf halbem weg
aussteigen werde
aber was wenn ich sitzen bliebe
holtest du mich ab?

Gemäuer

Inwendig | Aushäusig

We notice the scar, not the skin.
Viet Thanh Nguyen, A man of two faces

Inwendig
wagst du ein Wort
Kerngehäuse, nahe dem Wesentlichen
nicht auf deiner, geschweige denn meiner Seite verortet
vielmehr
im Innersten zuhause und da unabhängig
weil unabgängig
weil ohne jede Wand gebaut
weil wind- und weitedurchlässig
weil innen hier nicht nur Zentrum
sondern auch Zäsur

Inwendig
forderst du zum Tanz
Kreise, die vom Zirkel gezogen
ihre Mitte vermissen lassen, ihr Herz
samt Schlagwerk und Fließgleichgewicht
das zu halten sie angetreten
in ein Gewebe, das von Adern durchzogen
fremdes Gebiet
fremde Sprache auch und doch
in Rhythmus und Reigen dem Herz
anheim gegeben

Inwendig
legst du mir die Karten
verdeckt bleibt das Blatt in deiner Hand
fünf Finger für ein Halleluja
in einer Welt, in eine Welt:
deren Herz in deiner Hand
ein Innen markiert, das mich
atmen und wachsen lässt
inwendig zuhause und
aushäusig fremd