
Du bist ein Kolibri,
Du bist das Licht, ich bin der Räuber dieses Lichts.
Ich möchte gerne glauben, dass es keine Verwandtschaft gibt,
und ich, ich bin ein Räuber für dich, Prinz.
Zahir ad-Din Muhammad Babur
Lyrik als Kulturtechnik des Begreifen und des Kommunizieren, neben wahrnehmendem Sehen und Zuhören, als Möglichkeit auch, dem Ausdruck zu verleihen, was sich nicht ausdrücken lässt in Tun und Lassen, in Imperativ und Arbeitsauftrag, in Befürchtung und Essay, sondern eine eigene Ebene verlangt. Ein eigenes Auge zunächst, eine eigene Sprache und dann ein eigenes Ohr beim Empfänger auch. Mit dem lyrischen Auge sehen, hören und aus dem darob Wahrgenommenen Texte zu verfassen, ist zunächst eine streng solitäre Tätigkeit, die nicht nach Co-Kreation verlangt, sie im Gegenteil ausschließt. Der poetische Moment möchte exklusiv aufgespürt und behutsam ertastet, aufgespürt, kuratiert und zumindest teilweise gezähmt werden, bevor er sich in eine Sprache kleiden lässt. Eine, die am besten für ihn erfunden oder aus einem fernen Gebiet entlehnt werden möchte. Wir erinnern Celan, der die Gletscherspalten bemühte, um den Schrecken gerecht zu werden, die er benennen wollte.
Noch als die Gemeinschaften kaum zivilisiert daherkamen, als Schrift und Buchdruck den Völkern noch fremd, war ihnen lyrisches Schreiben und Vortragen bereits ein Bedürfnis. Inklusive des vermeintlichen Widerspruchs zwischen der Phase intimen Schaffens und gemeinschaftlicher Rezeption, fast bin ich versucht “Verzehr” zu schreiben, so sehr ähnelt die Rezeption von Gedichten doch dem Genuss einer aufmerksamst zusammengestellten Mahlzeit, bei der jede Zutat, qua Aroma, Textur, Wirkung und Erscheinungsbild eine eigene Aufgabe hat und im Zusammenspiel ein Vergnügen entfaltet, dem eine ausgeklügelte Rezeptur zugrunde liegt. Die Zubereitung obliegt ebenso ausgebildeten wie talentierten Chefköchen, die ihre Zeit in Küchen und Gärten verbringen, um immer wieder neue Zusammenstellungen auszubaldowern und ihren Gästen zum Genuss anbieten zu können. Als Rezipient empfängt man die einzelnen Gänge, Strophen, angerichtet und inszeniert, nicht selten um eine Weinbegleitung komplementiert. Man führt den ersten Löffel, Zeile, zum Mund spürt Textur und Aromen nach, versucht dem zugrundeliegenden Konzept mit seinen Geschmacksnerven zu folgen und die Komposition am Gaumen zur Vollendung finden zu lassen. Die Synapsen können dafür trainiert werden, die Geschmäcker individuell und kulturell vorgeprägt, das Vergnügen eines, das sich mal beim ersten Bissen, Zeile, mal erst im Laufe der Mahlzeit, des Gedichtzyklus, einstellt.
Zugleich verwundert es nicht, dass Lyriker häufig zugleich Staatsmänner – ja, gut, allesamt Männer, ab das ist ja nicht in Stein gemeisselt – mit einem feinen Gespür für Gemenge-Lagen und adäquate Ausdrucksmittel. Reisen gehören zu ihren Aufgaben und nähren ihre Expertise, die sich mit jeder Begegnung, mit jeder interkulturellen Vermittlungsangelegenheit noch steigert, sie mit Mut, Weitwinkel und Dringlichkeit gleichermaßen ausstattet, und sie in die Lage versetzt, Krisen zu erkennen, zu benennen und zu überwinden. Das Charisma, das sie umgibt ist dabei zu gleich Grundlage und Ergebnis. Ein solcher war wohl Babur, der der erste Mogul von Indien. Durch einen Sieg über über die hinduistische Herrscher in Indien und über die afghanische Lodi-Dynastie, die große Gebiete in Nordindien beherrschte, gelang es ihm, das langwährende indische Mogulreich zu gründen. Auf dem Höhepunkt seiner Macht am Ende des 17. Jahrhunderts umfasste das Mogulreich fast den gesamten Subkontinent und Teile des heutigen Afghanistans. Auf 3,2 Mio. Quadratkilometern lebten zwischen 100 und 150 Mio. Menschen. Für das Jahr 1700 wurde sein Anteil an der Weltbevölkerung auf knapp 30 % geschätzt.
Und vielleicht liegt genau hier der Übergang zu meiner eigenen Schreib-Arbeit. Als Lyrikerin und Kulturwissenschaftlerin möchte ich Lyrik nicht als Escapismus verstanden wissen, sondern auch und gerade im gesellschaftlichen und politischen Diskurs eingebunden. Lyrik mag dem einen eher als Sensibilisierung, dem anderen als Ausdrucksmöglichkeit, dem dritten als Raum mit eigenen Regeln, in dem Dinge (sic!) aussprechbar, vermittelbar und im besten Falle auch verhandelbar werden. Wer mit dem lyrischen Ohr hinschaut, kommt nicht drumherum, Zwischentöne wahrzunehmen, Ambivalenzen auszuhalten, Sprachlosigkeiten, Perspektivvielfalt und häufig damit einhergehende Diskrepanzen nicht vorschnell zu übergehen, sondern als kreative Herausforderung zu lesen. Diese Schulung der Wahrnehmung wird so ein Format der Erkenntnisarbeit. Kulturwissenschaftlich gesprochen: Lyrik ist eine Praxis der Bedeutungswahrnehmung und -produktion unter als überwältigend empfundenen Bedingungen von Komplexität. Wenn als solche anerkannt und implementiert schafft sie Verdichtung, wo Diskurse ausfransen, und Resonanzräume, wo Positionen sonst verhärten, und ergänzt sie sowohl das individuelle Toolkit wie den kollektiven Methodenkoffer.
Mein Anspruch ist es daher zunehmend, Lyrik als sicherlich herausfordernde Muse und Kulturtechnik in öffentliche und insbesondere konfliktträchtige Räume und Felder hineinzutragen – nicht als Schmuck, sondern als Denk- und Kommunikationsform. In einer Zeit, in der Imperative dominieren und Arbeitsaufträge die Sprache prägen, braucht es Orte, an denen das Unverfügbare gedacht und ausgesprochen werden darf. Thought Leadership bedeutet nämlich nicht, Antworten zu multiplizieren, sondern die Qualität der Fragen und die Anzahl und Qualität der Antworten zu multiplizieren. Die poetische Praxis – das genaue Hinsehen, das Aushalten des Noch-Nicht-Sagbaren, das Finden einer präzisen, verantwortlichen Sprache – wird so zur Grundlage eines Führungs- und Gesellschaftsverständnisses, das nicht auf Lautstärke und Komplexitätsreduktion sondern auf Resonanzfähigkeit und Ambigiutätstoleranz setzt.

In Mathematica: A Secret World of Intuition and Curiosity beschreibt der Mathematiker David Bessis ein „drittes System“ des Denkens – jenseits des schnellen, intuitiven und des langsamen, analytischen, in unserer Gesellschaft bevorzugt genutztes rationalen Denkens. Dieser dritte Ansatz ist weder bloße Intuition noch reine Deduktion, sondern ein tastendes, bildhaftes, neugieriges Erproben von Strukturen. Ein Denken in Mustern, in Analogien, in inneren Bildern, das sich nicht sofort beweisen muss und doch eine eigene Logik, ein eigenes Vorgehen besitzt, wenn auch jenseits des Berechenbaren. Und genau deshalb sind hier ebenso die häufig herbeigezogene Meta-Ebene wie die Kreativität zuhause, hier zeigt sich Lösungs-Intelligenz, hier kann man über sich hinauswachsen und dazu lernen, und hier berühren sich Mathematik und Lyrik: Beide operieren sie mit Verdichtung, mit Struktur, mit dem Mut zur konsequenten Infragestellung alles bisher Bekannten, zur Abstraktion und zum denkenden Lustwandeln – und mit dem Vertrauen, dass sich die nötige Lösung nicht nur aus bekannten Argumenten und Formeln erarbeiten lässt, sondern sich zuweilen und gerade in komplexen Kontexten jenseits des Bekannten und Berechenbaren eben im bisher noch nicht Denkbaren ergibt. Das Dichten kann uns nämlich gut als ein Übungsraum für dieses dritte Art der Wahrnehmung, des Denkens und der Synthetisierung dienen, schult es dochdie Fähigkeit, Komplexität zu halten, ohne sie vorschnell zu reduzieren, Zusammenhänge zu erspüren, bevor sie begrifflich fixiert sind.
Und so führt der Bogen zurück zu Babur. Auch er bewegte sich – als Feldherr, Staatsgründer und Dichter – bevorzugt in diesem dritten Bereich. Seine Wirkungsmacht speiste sich nicht allein aus militärischer Strategie oder administrativer Ordnung, sondern zumindest auch aus einer poetischen Deutungshoheit, die Landschaft, Verlust, Sehnsucht und Herrschaft in Sprache zu fassen vermochte, die anschlussfähig. Ganz plakativ: Wer Reiche gründet, muss Räume imaginieren können, bevor sie politisch existieren, muss Muster und Zusammenhänge Bedeutung zumessen, die die Realität ihnen bislang verweigert. Wer Millionen Menschen regiert, muss Narrative schaffen, die größer sind als Dekrete. In diesem Kontext ist poetische Kompetenz keine Zierde der Macht, sondern deren Möglichkeitsbedingung. Das lyrische Denken – das Erspüren von – kulturellen, sozialen, unbewussten – Mustern, das Formgeben des Ungeformten – bleibt dabei nicht auf Papier eines Lyrikbändchens im hintersten Regal der örtlichen Buchhandlung, sondern gestaltet Lebensräume, Landschaft und – vielleicht am wirkugnsmächtigesten – kollektive Identität.
Nota bene & Leseempfehlungen:
Anne Seubert: Ceci n’est pas la crise
David Bessis: Mathematica: A secret World of Intuition and Curiosity
Understanding the poetic expertise of Babur through his Persian Poetry