
Comment ça va? Wie geht es dir? How do you do? Warum es uns so wichtig ist, auszudrücken, wie es uns geht, zu erfahren, wie es um unser Gegenüber bestellt ist, unsere Empfindungen auszutauschen und uns darin verstanden zu wissen, vermag ich nicht mit Bestimmtheit zu sagen, aber es gehört in seiner noch den kleinsten Small Talk beehrenden Omnipräsenz zu den konstituierenden Elementen unserer sozialen Identität.
Nicht immer gestaltet es sich so einfach, wie die Frage daher kommt, geschieht, was ich hineininterpretiert habe: Wirklicher Austausch, Verstehen, ja auch nur Zuhören. Häufig genug bleibt es bei der Frage als Floskel und auch die Antwort beschränkt sich auf einen unser Gegenüber in seinen positiven Annahmen über unser Wohlergehen und im besten Fall gleich auch unsere Beziehung bestätigenden Allgemeinplatz. Unter anderem weil gewöhnlichen Menschen von den hunderten von Empfindungen auf Anhieb gerade mal eine Handvoll voneinander unterscheiden und benennen könnten – Freude, Angst, Wut, Trauer, Langeweile, und nur eine davon ist positiv und damit dem Kriterium genügend! Den Grossteil unserer Gemütszuständen nehmen wir zwar wahr, aber eher als vage wabernde, nicht greifbare und damit auch kaum teilbare oder gar veränderbare Zustände. Manch einer nimmt Kontur an, wenn wir ihn mit einem anderen Menschen teilen. Mitunter gelingt es dann nämlich, einen Begriff zu finden, der für uns und unser Gegenüber adäquat ausdrückt, was wir empfinden, etwa, weil der andere Mensch eine bestimmte Art hat zuzuhören, eine bestimmte Ungeduld nicht kennt oder genau die richtige mitbringt, weil er zwischen zwei Sätzen etwas bemerkt, das ich als Empfindende und Sprechende selbst noch nicht wusste, weil er die richtige Frage stellt. Mitunter gelingt es uns, im Gespräch unter Freunden etwas auszusprechen, das zuvor allenfalls als Ahnung, als Unbehagen oder unbestimmte Sehnsucht sein Unwesen in uns trieb.
Auch beim Schreiben von Lyrik mache ich mich auf die Suche nach einer sprachlichen Ausdrucksform für etwas, das mich umtreibt, unausgesprochen und ohne feste Begrifflichkeit zunächst. Weder Gedanke noch Gefühl, eher Konstellation, Gemengelage oder Zustand. Ich probiere in diesem Falle mit mir alleine, in meinem Kopf Worte aus, kombiniere Sätze, hänge Bilder dazu, eröffne Laute, leihe mir Begriffe aus fremden Zusammenhängen und Sprachen, bis sich, manchmal zu meiner eigenen Überraschung, etwas fügt. Ein Ausdruck wird dem bislang Unaussprechlichen gerecht. Das kann dauern und oft dauert es dann nochmal, bis ich dem Ausdruck wirklich traue. Ich teste ihn in verschiedenen Formaten, bevor ich ihn in einen schriftlichen Text fasse und einer kleinen Leserschaft vorstelle. Ein Abenteuer jedesmal, denn dann kann, muss aber nicht, diesem neugefundenen Ausdruck und damit mir und meiner Empfindung, Resonanz widerfahren, etwa indem jemand meine Zeilen liest und sich darin wiederfindet. Wenn ich etwa erfahre, dass ich mit meiner höchst eigenen, nach mehreren versuchen in Sprache gebrachten Wahrnehmung offenbar etwas getroffen habe, das auch einem anderen Menschen auf ähnliche Art und Weise beschäftigt hat, bedrückt oder beglückt, und dem dafür bislang ebenso die Worte fehlten.
Dann gelingt mithilfe der lyrischen Form so etwas wie eine Freundschaft über eine geteilte Empfindung. Verbundenheit entsteht weil bislang unteilbar Innerliches in einem Ausdruck ein Form annimmt indem sich Schreibende und Lesende ihre Empfindung verstanden wissen, ohne sich tatsächlich treffen oder gar mögen zu müssen. Ein mir fremder Mensch fühlt sich von mir bzw. von einem von mir geschriebenen Gedicht verstanden, ohne dass mir diese Empfindung deshalb verloren geht, vielmehr fühlen wir beide uns dadurch erleichtert und eben in dieser einen Empfindung vereint. Wir können einander etwas von uns zugänglich machen, das wir ohne den Akt des lyrischen Schreibens und Lesens womöglich nicht zu fassen bekommen hätten. Diese Qualität gehört für mich zu den schönsten und zugleich intimsten Zumutungen der Lyrik, diese Verbundenheit ähnelt der in Freundschaften und Lieben, nur während letztere diese Qualität meist mit Zeit multiplizieren und dadurch einen wiederbegehbaren Raum entstehen lassen, in den man einziehen oder sich zumindest kontinuierlich wiederbegegnen kann, ist sie im Fall des Gedichts eine meist punktuelle. Auch wenn wir natürlich auch Autorinnen und ihre Bücher um uns scharen können, bei denen wir diese Geborgenheit immer wieder erfahren.
Nicht immer gelingt dieser Balanceakt. Manchmal verfehlen wir einander gründlich, gerade dort, wo wir uns besonders vertraut wähnen und sind dann entsprechend enttäuscht – gleich beim Autor wie beim Freund, erst Recht beim Liebhaber. Denn in beiden Fällen handelt es sich um nicht einforderbare Geschenke, Aufmerksamkeit, Talent, Vertrauen, you name it. Freunde sind mit einer Selbstverständlichkeit anwesend, interessiert, zugewandt, und halten aus, dass etwas noch nicht gesagt werden kann oder vielleicht auch gar nicht gesagt werden möchte, dass etwas erstmal nur versuchsweise in Sprache gekleidet wird oder nicht weitererzählt werden darf, also unter uns bleibt, und macht so möglich, dass sich etwas zeigen darf, das anderswo womöglich verborgen bliebe, dass wir laut denken und, Obacht, laut fühlen. Scham und Schuld haben erstmal qua Definition keinen Zutritt. Unter Freunden darf man sich mitteilen, ohne sich erklären zu müssen, darf man Fragen stellen, ohne dass eine Antwort fällig wird, oder das Gegenüber nicht schon beim ersten Anzeichen von Sprachlosigkeit mit Lösungsvorschlägen, Ratschlägen oder einer aufmunternden Anekdote zur Stelle ist. Der Freund gleichwohl hat zur Stelle zu sein, loyal, verständnisvoll, und geduldig.
Beim Schreiben von Lyrik verhält es sich nicht unähnlich. Auch ein Gedicht lässt sich nicht herbeizitieren wie ein Sachbearbeiter, dem man einen Vorgang zur Erledigung vorlegt. Es braucht eine besondere Form der Aufmerksamkeit, ein Sich-Einlassen auf das zunächst Ungefähre, eine Umgebung, in der Gedanken non-linear ins Schweifen geraten, Worte sich aneinander versuchen und reiben dürfen, ohne dass jeder Einfall sogleich seine Berechtigung nachweisen muss. Es besteht explizit die Erlaubnis zur poetischen Grundlagenforschung. Diese Forschung ist durchaus Arbeit zu nennen, die sich mühselig, eigensinnig und voller Verwerfungen und existenzieller Zweifel gestalten kann, einsam und zuweilen körperlich schmerzhaft. Aber Lyrik braucht diese Freiheit, nicht schon zu Beginn wissen zu müssen, worauf sie hinauswill, um dahin zu gelangen, wo zuvor keiner war, sich noch keiner oder keiner mehr hintraut, und der es dann wagt, bislang unvereinbare Fronten und Sprachen zu vereinen, die sich bislang qua Logik widersprachen. Erst wenn es schließlich gelingt, dem bislang Unaussprechlichen eine Textur, einen Ton und eine Form zu geben, die über die eigene Erfahrung an eine Prägnanz hinausreicht, kann das Gedicht in einem fremden Menschen etwas zum Klingen bringen. Das Gedicht gerät so zur Antwort auf eine ungestellte Frage, erfüllt einen Auftrag, den niemand hätte stellen können, wird eine Lösung für einen Bedarf, der zwar quälend vorhanden, aber nicht kommuniziert worden war, weil schon das unmöglich erschien. Last night a poet saved my life?
Freundschaft wiederum vermag einen Menschen in einer Weise zu nähren, die mit Bestätigung allein nicht zu erklären ist, weil Freunde eben nicht unentwegt unsere Vorzüge besingen, uns die Welt schönreden oder über unsere Unzulänglichkeiten großzügig hinwegsehen. Im Gegenteil. Manchmal kennen sie diese besser als wir selbst. Aber in ihrer Gegenwart können wir uns etwas zutrauen, wofür uns allein der Mut, die Vorstellungskraft oder schlicht die Zuversicht fehlte. Nicht, weil wir plötzlich jemand anderes wären, sondern weil ein anderer Mensch etwas in uns erkennt, das wir selbst noch für eine ziemlich gewagte Möglichkeit halten. Im günstigsten Fall wächst daraus keine Abhängigkeit vom Wohlwollen des Freundes, sondern eine größere Zärtlichkeit im Umgang mit uns selbst: Das Beste an uns muss nicht erst erfunden werden, es darf sich aber endlich hervorwagen. Freundschaft nennen wir diese freiwillige, von keinem Verwandtschaftsverhältnis vorgeschriebene Verbindung, deren Regeln sich kaum verallgemeinern lassen und die doch seit Jahrtausenden Gegenstand philosophischer Betrachtungen, poetischer Bekenntnisse und gelegentlich auch erbitterter Auseinandersetzungen ist. Sie verspricht weder ewiges Einverständnis noch unbedingte Verlässlichkeit, und wer sie einmal verloren hat, weiß, dass die ihr innewohnende Zärtlichkeit ebenso wenig selbstverständlich ist wie die Freiheit, die sie gleichzeitig bedingt und herausfordert.
Merkwürdig eigentlich, wie wenig öffentliche Aufmerksamkeit der Freundschaft angesichts ihrer Bedeutung für das menschliche Zusammenleben zuteilwird. Während die romantische Liebe mit einem beachtlichen Aufgebot an Ritualen, Institutionen, Feiertagen und ganzen Industriezweigen bedacht wird, kommt die Freundschaft weitgehend ohne gesellschaftliche Beglaubigung aus. Wir heiraten unsere Liebsten, feiern unsere Jahrestage, verhandeln unsere Trennungen und lassen uns gegebenenfalls auch amtlich scheiden. Wann aber eine Freundschaft begann, lässt sich meist kaum rekonstruieren, und ihr Ende hinterlässt mitunter eine nicht minder schmerzhafte Lücke, für die weder Trauerrituale noch Sonderurlaub vorgesehen sind. Vielleicht hat das auch mit unserer Vorliebe für die große Erzählung zu tun, für das Außergewöhnliche, die dramatische Wendung, die Verheißung eines Anfangs und die Unausweichlichkeit eines Endes. Was sich hingegen beiläufig entwickelt, über Jahre fortschreibt, gelegentlich aussetzt und dann, ohne viel Aufhebens, wieder aufgenommen wird, liefert selten den Stoff, aus dem Bestseller gemacht werden. Die Lyrik weiß ein Lied davon zu singen. Auch sie hat es neben der erzählfreudigen Prosa und dem performativen Drama nicht leicht, ihre Aufmerksamkeit gilt häufig einem einzelnen Moment, einer kaum merklichen Regung, einer Situation, für dessen Entdeckung es weder eine ausgreifende Handlung noch dreihundert Seiten braucht. Dass ein Gedicht gleichwohl ein ganzes Leben berühren, ja verändern kann, steht in einem eigentümlichen Missverhältnis zu dem bescheidenen Platz, den wir ihm im kulturellen Alltag einräumen.
Freundschaft und Lyrik verlangen nicht notwendig nach dem Außergewöhnlichen. Sie können aus einem gemeinsam zurückgelegten Weg, einem einzigen beiläufig genannten Wort etwas gewinnen, das sich weder konsumieren noch berechnen lässt. Sie machen Zeit fruchtbar, ohne sie auszuschöpfen, erlauben Umwege, Wiederholungen, Leerlauf und jenes zweckfreie Beieinander- oder Bei-einer-Sache-Sein, aus dem mitunter mehr erwächst als aus einem ganzen Programm sorgfältig kuratierter Lebenshöhepunkte. Nicht durch eine große Geste, sondern durch ungezählte kleine Begegnungen, Nebensätze, Widersprüche und gemeinsam vertrödelte Nachmittage. Freundschaft bewahrt etwas von dieser gemeinsam verbrachten Zeit über jede Abwesenheit hinweg, lässt Menschen aneinander teilhaben, auch wenn und während sie längst wieder ihrer eigenen Wege gehen. Die Lyrik bringt mitunter noch Erstaunlicheres fertig: Sie entreißt einem flüchtigen Augenblick etwas von seiner Vergänglichkeit und macht ihn einem Menschen zugänglich, der womöglich erst Jahrhunderte später das Licht der Welt erblickt. So hält die eine Menschen füreinander im besten Sinne gegenwärtig, die andere vermag Fremde über Jahrhunderte hinweg miteinander ins Gespräch zu bringen. Eine bemerkenswerte Leistung für zwei Kulturtechniken, denen man gemeinhin vorwirft, sie würden vor allem Zeit kosten: Nicht jede Stunde, jede Zeile muss etwas ergeben, aber manche verändert, mitunter unbemerkt, was wir aus den kommenden machen können.