Gemäuer

Schattenwerfer

Spiegelung | Anne Seubert

Du wirfst den Schatten ins linke Auge. Ein Schatten der erst flackert, dann weicht und es schliesslich wagt, zu landen. Ein Land zu öffnen, das erst blinzelt, wenn das Ufer in Sicht, wenn das Meer sich zurückzieht auf eine Insel jenseits des Sichtbaren. Das Sichtbare, dass du fürchtest, wie der Schatten das Licht, da gleicht ihr euch sehr.

Du weist der Wand die Tür und trägst sie über die Schwelle, als das Wasser steigt. Das Wasser, das Wände flach legt, ganze Mauern, das fließen macht, das selbst Woge und Gischt und Tropfen auf den heißen Stein. Den Stein, den du dir in die Hosentasche sicherst, als gäbe es Halt to go und Gewicht auf Zuruf.

Du stellst die Uhr auf viertel nach acht und legst das Ufer zu den Akten, wie einen ausgedienten Liebhaber. Die Liebe dir zu Füßen wie das Fell, das deinen Fußsohlen schmeichelt als wäre Strand etwas, das nachwächst. Ein Wachstum, an das wir alle glauben, so lange wir noch nicht an Land, so lange uns die Welle im Wasser trägt. Das Wasser, das jeden Gedanken so umspült, dass jede Flucht obsolet, jede Wirklichkeit nur eine von vielen an einem Horizont, der sich mit jeder Welle neu erhebt, auflöst oder teilt, nie aber einen Schatten wirft.

Gelage

Liebe deinen Alltag, Schichtwechsel um Mitternacht

Ausblick | Anne Seubert

Jeden Morgen die eigenen Einzelteile zusammenrufen für die heute anstehenden Jobs. Wie Tagelöhner kriechen sie aus ihren Löchern, ohne große Erwartungen, wohlwissend, dass schlecht bezahlt, bleiben sie ungenügend  ausgebildet und unterwürfig aus existenzieller Dankbarkeit heraus. Ja, der Tag wird vorübergehen, es wird ein nächster folgen, aber die beiden werden sich nicht kennenlernen, nicht voneinander lernen, nicht miteinander flirten, nicht miteinander schlafen. Schichtwechsel um Mitternacht.

Heute du, morgen ich, fragt die Zukunft die Gegenwart rhetorisch am Eingang.

Als Fragezeichen aufwachen, das ich vom Vortag bereits entsorgt, die Hülle recycelt, eine Frage, die ein Zeichen ist und eines sucht: Bin ich’s heute oder werde ich es erst? Kann ich was ich will heute sein? Bin ich heute gefragt oder sind die Antworten bereits anderweitig vergeben. Wer bringt den heutigen Tag auf den Punkt und wer ihn um die Ecke, wenn es soweit ist? Ungebremst noch die Furchtlosigkeit, unscharf der Blick und ob Problem oder Lösung, Ziel oder Weg, Trotz oder Rücksicht wird sich zeigen. Jetzt erstmal Neugier dick aufs Brot gestrichen, dass ich dich anerkenne, my Day, ist auch eine Form des Vergebens eines Gesterns, das so weder gewollt noch gewürfelt wurde.

Heute ist ein guter Tag, flüstert die Nacht und schließt die Augen.

Mein Tag, mein Turm, mein Tintenfisch mit sieben Händen Hoffnung und nur ein Arm trägt schwarz? Der Dresscode wurde zu spät kommuniziert, man sei der Zukunft trotzdem oder gerade deswegen zugewandt. Ein Ort des Verzeihens der Tagesanbruch auch, ein geteilter Morgen spricht für geteilte Nacht und ein Frühstück mit Worten, die du nicht von der Bettkante schubst, auch wenn das Bett schmal und das Wort heilig, auch und gerade wenn der Turm in seinem Schatten die Sonnenstunden zählt, die heute Schicht haben und sich gerade warm laufen. Noch eine Schippe Laub zum Mitnehmen? Aber sicher! Und eine zum sofort aufwirbeln, bitte!