Generika

Leergesagte leben länger

Eigentlich nicht einen Fetzen Zeit.
Eigentlich nicht einen Wurm Anstand oder Kraft oder Wintersonnenwende.
Eigentlich nur Chemie in den Adern. Statt Blut. Dafür Angst bis hinter beide Ohren und noch dreimal um die Ohrläppchen drumrum.
Eigentlich nur noch Angst.

Und dann doch dieses dein stolperndes Lächeln, dass du mir heimlich in die Handtasche gepackt hast, die ich seit neulich mit mir trage. So vertäut, dass es den Schneeregen und die Reinigung, den ausgelaufenen Joghurt und den Missbrauch als Kopfkissen überstanden hat und auch meinen suchenden Fingern immer wieder trotzt. Ja, doch, irgendwo findet dieses Leben statt, von dem alle immer sprechen. Ich sehe es im Rückspiegel, zuweilen auf Handybildschirmen in Momentaufnahmen verzerrt aber doch erkennbar, ich bekomme davon erzählt, vorgeschwärmt, ich lache sogar mit und manchmal auch darüber.

Eigentlich wäre ich gerne Mitglied.
Eigentlich kann ich gar nicht singen.
Eigentlich ist hinter der nächsten Kurve auch nur ein Arzttermin.
Eigentlich wollte ich das nicht mehr erzählen.

Zärtlichkeit, sagst du, wäre aus und käme auch erst im nächsten Monat wieder rein, oder übernächsten oder halt irgendwann. Aber Achtung sei noch da. Eigentlich jede Menge. Und du lachst und das reicht um mich zum Schweigen zu bringen. Dieses Schweigen, das näher am Schrei liegt als jedes Keuchen, das meine Lunge adhoc auch noch parat hätte.

Gelage

Corps salé

Zunächst die Lunge der Stadtluft entführen, den Mund weit öffnen und Sonne atmen. Literweise gleißendes Sonnenlicht.
Socken und Make-Up und Schuhe und alles, was Ärmel oder Beine hat und Hose heißt in den Schrank verbannen und jegliche Unterwäsche durch Bademode ersetzen.
Barfuß laufen. Das Alter vergessen und Sandburgen bauen.

Morgens jedes Körperteil in Sonnenmilch stippen und sorgfältig einreiben.
Den Leib anschließend mit Meersalz-trunkenem Wind pökeln und Sonnenstrahl für Sonnenstrahl erwärmen.
Kur vor Erreichen der Körpertemperatur den Leib in großzügig gereichtes Meerwasser gleiten lassen und unter gelegentlichem Umrühren stundenlang marinieren. Dabei immer wieder wenden.

Einzelne Partien an den Strand betten, dabei anfangs zumindest Schatten und Wind weiträumig meiden.
Innenräume mit ausreichend Feuchtigkeit benetzen, vorzugsweiße Süßwasser, gerne mit einheimischen Kräutern versetzt.
Einzelne saftige Apfelstücke nachschieben, für die Würze und Biss sorgen etwa Salzletten oder Kartoffelchips.

Weißliche Flecken auf der Haut sind mitnichten Zeichen mangelnder Qualität sondern beweisen den als ausreichend einzustufenden Salzgehalt des Wassers.
Kleine Seufzer sind keine Seltenheit, dann einfach noch ein wenig mehr Sonne suchen und mit möglichst öligen Fingern einmassieren.
Notfalls auf Sonnencreme zurückgreifen. Nicht loslassen, sondern tiefenwirksam einmassieren.

Ruhen. Sonnen. Wenden. Einwirken lassen.
Spätestens bei Sonnenuntergang Bier zugeben. Oder Saft. Wasser. Hauptsache Feuchtigkeit von innen.
Ein Stück Käse kann nicht schaden. Zwei auch nicht. Und eine oder zwei frittierte Auberginenscheibchen tun sogar gut.
In jedem Falle Salz.

Später dann Schatten suchen. Alles Salz auch von außen gründlich abspülen. Den Leib mit Süßwasser fluten. Das Haupthaar vor allem. Aber auch jede Pore. Alles.
Salz- undoder Sandkörner notfalls händisch entfernen.
Sämtliche Hautpartien einölen. Ruhen. Mindestens 30 Minuten bei vollkommener Bewegungslosigkeit.

Bei Dämmerungseinbruch auch noch den kleinen vergessenen Finger entkrampfen und in Olivenöl tunken.
Ablecken. Einatmen. Und wieder aus.