Gestern

Steiniger Apéro

Die mäandernde Leichtigkeit, die meinem Rückgrat Gänsehaut verursachte, klebt am Niewieder, in unsichtbare Ferne gerückt. Schnee ist gefallen und der Aperol geleert von Gästen, die zu früh gingen. Es bleiben leere Fächer im Eisschrank und ungefüllte Blumenvasen. Der Fahrstuhl ist ohne Gesang. Herbst. November gar. Zeit zu träumen.

Unter meinem Baum im imaginierten Kiesbett liegend, das noch sonnenwarm Abdrücke auf meine nackten Schenkel prägt, will mir nicht in den Kopf, wie ich dich hatte gehen lassen können. Nun weile ich hier unter meiner theatralischen Weide, mein Gesicht seitlich dicht an den Boden geschmiegt, mir einbildend, deine Fingerkuppen auf meiner Haut zu spüren, während es einzig und allein kleinere Kiesel sind, angenehm warm und wohl gerundet.

Du hingegen sitzt in deine Aufzeichnungen vertieft mindestens einen Steinwurf entfernt an den Stamm der von dir so geliebten Sommerlinde gelehnt, dein Gesicht verschattet, kaum erkennbar weil abgewandt. Selbst im Traum. Und doch, ich schmecke deinen Geruch, der jedem einzelnen Kiesel anhaftet, den ich mir mit von Wehmut durchtränktem Genuss auf der Zunge zergehen lasse.

Gestik

Und dann, November?

Und dann sitzt du da mit beiden Beinen baumelnd und der Tisch vor dir lächelt bienenwachstrunken und du hast beide Arme nackt im Schoß und weiß nicht wohin mit deinen verschorften Händen und packst sie versuchsweise tief unter die Schultern, da wo die Achseln Höhlen gegraben haben, aber es fühlt sich nicht ein Daumen wohl, nicht ein kleiner Finger. Und so lässt du die Hände wieder sinken und hebst stattdessen den Blick erstmalig auf und dann sogar über die Tischplatte hinweg, folgst der Maserung mit deinen Augen bis dein Blick kurz vor der Tischmitte ins Wanken gerät und verzweigt. Und wären da nicht wimperne Alleen beidseits des Lids, die ihm Rückendeckung geben und Kontur, wäre er sicher gänzlich vom Wege abgekommen und hätte sich zwischen die Tischbeine gemogelt. So aber ankert er nahe der Tischkante, da wo das Wachs einst einen Tropfen formte, da wo das Weinglas gerne zu kippeln beginnt, da wo du sonst immer den linken Ellbogen parkst.

Und dann hörst du, wie sich die Stille mit der Oberflächenspannung in deinem Teeglas paart und winzige Salbei-Aromen Wüstenträume schmieden. Meinst du zu hören. Denn eigentlich ist das längst Traum und du bereits mindestens zwei Meter tief im Innenohr versackt, hast dich in den Schatten der Felsenbeinpyramide gekuschelt. Sucht mich nicht, hast du in Braille gebeten, hörbar für jeden, dessen Fingerkuppen dich zu finden sich aufmachten in diesem November, der dreifachen Nebel bestellt und fünffachen ausgeliefert bekommen hat. Der deine Spuren statt zu verwischen in Nummernschilder eingraviert, deine Bilder schattengleich an fensterlose Häuserwände wirft und deine Wärme mit Chilischoten aufzuwiegen sucht, während du deine Fußsohlen in das Spiegelbild des Tisches auf dem birnenhölzernen Parkett stemmst.