Gestern

Zeit der Wölfe

Ein Tag Sonne genügt vollkommen: das Du in mir lacht sich ins schweißnasse Fäustchen, schüttelt Wehmutfetzen ins algenverhangene Havelwasser und hält Ausschau nach der nächsten Eisdiele. Es legt mir spontan eine Geburtstagsfeier um den nackten Hals mit Pistazienbrötchen und Bootstour und vielen kleinen Glückwünschen, die ich mir einzeln ausgedruckt und handkoloriert an die neue Wand nagele.

Abends zieht mein gelbes Kleid Komplimente aus und macht mich unwillkürlich lächeln – trotz Fußball am Nebentisch, Tartar auf dem Teller gegenüber, und dem hungrigen Reißwolf in meinem Kopf. Einen Abend gibt er sich mit Vorspeisen zufrieden, isst Brot und Butter und nur so viel Salz, dass es für die nächsten Tränen reicht. Dann ist Mitternacht und der Geburtstag auch schon vorbei.

Der Morgen danach wartet mit Diskussionen auf und siebenmeterlanger Einsamkeit, die nicht einmal durch Zirkeltrainingsattacken zu besänftigen ist. Das Display zeigt viertel nach fünf und nur durch Zufall ist der Kühlschrank voller Käse und das Brot mit Walnüssen gesättigt. Der Wolf hat seine Zähne schneller platziert als ich meine Tränen zurückgedrängt, Brot und Salz und blutunterlaufene Käserinde sind Zeuge.

Gelage

irgendeinisch

“Es rägnet unter d’ Achsele”, Endo, der du einem Saal mit einem hingerotzten “Nein” armweise Gänsehaut bescherst. Und ich lese mich in deine Sprache, deinen massigen Leib, deinen Nacken. Trotzdem. Und genau deswegen. Tod und Teufel, ich spreche in Nägeln, mir Wutklumpen zwischen die Silben lispelnd. Man nehme mir das Telefon, den Hörer, den Kunden, man gebe mir eine Stimmlage jenseits von Rum, einen Bass und eine Bühne. Ich will Arme wie Seefahrer, will raubeinige Zukunft auf rußigen Fingernägeln errichten, Nagellackflaschen ad acta legend.

Draußen Schneeregen und ich träume von diesem Fluss, der grün wie das Gras an seiner Seite heißt. Der rumpumpelnd Logos schnitzt und Briefmarken, der mir Koyoten an die Seite schwemmt, morgens um viertel nach vier den Wecker an seine Aufgabe erinnernd. Der Fluss ist auf mein Lächeln aus, scheint es, und auf den letzten Krümel Sand im inneren linken Augwinkel. Ich aber blinzele nicht, ich stelle mich träumend und lüge nichtmal, so dicht ist mir die Prärie auf den Fersen, treibt mir mit rostroten Windböen Tränen durch die allzu müden Wimpern. Hinterlässt raue Furchen von der Braue bis zum Nabel. Ein Tag zu viel, eine Nacht zu wenig, wer weiß das schon?

Du aber, Endo, du singst. Ohne Ton zuweilen, aber weiter. Kein Gedanke an Jagd, sieben Geißlein hin oder her, du bietest Wortwaren feil wie Schmalztiegel tief, röhrende Sprachfetzen, die jeden noch so angriffslustigen Koyoten winseln machen. Lächeln machen. Niederknien. Federleicht dein Bariton hinter meinem Ohr noch als ich mich zur Seite drehe, unters Kissen mir folgend, das Q in Wellness-Urlaub auf die Malediven schickend und das C zumindest nochmal kurz Zigaretten holen. Eine Mütze Schlaf geht noch.