Gestik

Aus den Augen verloren

das Leben, und es fehlt. Jeden Tag mehr. Mindestens so bitterstoff-intensiv aber ist die Angst. Vor jedem Tag, an dem nichts als Leben auf der Liste steht. Vor jedem Ja. Vor jedem Strich. Vor dem Montag vor allem und dem Samstagmorgen.
Vor dem Wochenende gibt es Pickel und am Sonntagabend Blues. Dazwischen regiert Prinz Nervous, raubt Silbe um Silbe, Pigment um Pigment. Lacht sich eine Furunkel ins nasswarme Fäustchen und baut Wortberge wo Sonnenuntergänge hingehörten.

Inmitten der schwarzweissen Kringel, unbeeindruckt von Augenringen und blutleeren Venen: das Mädchen ohne Sorgenfalten, die Lust auf wochenlange Verführung, der Traum unverkäuflicher Gesundheit.

Gestik

Hier und heute nacht.

Diese Arroganz, dieses Ich-mag-mich-so-wie-ich-bin, dieser nicht vorhandene Hauch von gefallen-wollen machte ihn – zum wiederholten Male – spontan aggressiv. Hatte sie denn nicht den Mindestumsatz an täglichen Komplexen am Hacken? Wollte sie etwa gar nicht attraktiv sein? Merkte sie nicht, wie dieses tägliche Bier statt Sport, dieses ewig entspannte Lächeln ihn auf die Palme trieb? Wie dieser ausgeschlafene Blick ihn müde machte?

Er seufzte. Wenn sie Verzicht bislang auch noch nicht kannte, würde sie ihn wohl kennen lernen. Müssen. Hier und heute nacht.

Sein meerumwobenes Kleid aus Sand trug er auch am nächsten Morgen. Bis knapp über die Knie reichte es bei Sonnenaufgang, abends wurde die linke Kniescheibe eine halbe vor der rechten Scheibe sichtbar – je nach Schattenwurf allerdings. Viele Blicke folgten ihm und seinen noch blassen Waden über das warme Trottoir der abendlichen Stadt und blieben erst an seiner Begleitung hängen. Gut sah sie aus. Nackt.