Gestern

Wie bist du eigentlich sozialisiert?

Wie bist du eigentlich sozialisiert? – Eindrucksvolle Gesprächswiederaufnahme im Stau hinter Katharina Wagners Wagen. Und wie so oft kommen die schlagfertigen Antworten erst am Tag darauf in Reichweite. Am Nachmittag sogar erst, als ich endlich wieder mal musealen Boden betrete, fast ein wenig scheu ob der langen Abwesenheit.

Im Martin-Gropius-Bau kann man dieser Tage nicht nur Marilyn und Bob Dylan in die Augen schauen, auch namenlose Ölfeldarbeiter, Landstreicher, Mörder und ein „Arbeitsloser Black-Jack-Kartenausgeber“ bieten sich den angesichts des regnerischen Wetters zu Hauf angereisten lüsternen Blicken dar. Wir lachten viel und flüsterten noch mehr. Beim Hüpfen über Blickachsen und dem Retten der eigenen Achillesferse vor blindgeschobenen Kinderwagenrädern zuweilen gar außer Atem geraten. Viel Haut gab’s, zerknitterte und babyzarte. Vielerlei Frisuren, von Vokuhila bis Banane. Viel zu viel Voyeure für die oftmals zarten Linien. Keine Farbe.

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Und weil ich dich heute um ein dreifachgesplisstes Haar wiedergesehen hätte, lange Minuten war ich gar überzeugt davon und drapierte vorsorgend ein gesprächsaufforderndes Lächeln auf meine Lippen, las ich, wieder zu Hause, was ich schrieb, damals, als wir uns das erste Mal begegneten.

kein schlaf heute nacht
dafür elf mal
deine nummer auf meinem AB

dem lidschatten
im augwinkel
ausgewichen
scheint mir
der schalk
in blitze gebündelt
zuzuzwinkern
auf der suche
nach vakanten
stell’n beinah
komplizenhaft

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Gestern Bild, heute Text, morgen Arbeit.

Gelüste

Ich nenn‘ es Kaiserschnitt

Dieses ewige Versteckspiel so satt, stattdessen Sehnsucht nach klaren Worten, einem nur. Einem, das trifft. Prägnanz. Wucht. Vehemenz. Und nicht einem nur, einem ganzen Wagen voll. Endlich wieder wühlen in Satzkonglomeraten, eingraben in Formulierungskünsten, untergehen in waghalsigen Worttoupets bar jeden Satzzeichens. Endlich mal nicht mehr jedes Wort vom Munde absparen, stattdessen verschwenderische Schachtelsätze verteilen. Eigene Texte bauen. Lesen, stapelweise.

Dem dräuenden Dunkel abschwören und wie Liz Farbakzente setzen, es wagen, bemerkt zu werden. Die Haare nicht nur zum Schutz missbrauchen, sondern mit Glanz versetzt mir ums Haupt winden. Knie zeigen und Stiefel tragen, die neuen roten zum Beispiel. Die Ohren mit Musik verwöhnen, möglichst welcher, die gleich die Knie mit befruchtet und den Leib beben macht, Kurven ziehen. Lachen, ganz wichtig. Lachen, mit beiden Augen und ganz tief aus dem Bauch heraus. Teilen, mich, meine Lust und das Leben nach Feierabend.

Mutig sein und weitergehen, weiterfragen auch. Neue Ziele bestimmen. Rat bei Fremden einholen, Freunde zum Kochen einladen und umgekehrt. Gemeinsam essen und zwar gut. Sorgsam mit mir sein in jeglicher Hinsicht, das haben mir die letzten 2 Wochen in all ihrem Schrecken mal wieder nahe gebracht. Den Blick in den Spiegel wagen und Umarmungen tunlichst nicht immer aus dem Weg gehen. Nicht nur verzichten, auch mal zuschlagen, zärtlich versteht sich, genießerisch. Ein, zwei Ladungen Kunst ins Hirn schaufeln und jede Menge Leichtigkeit. Ob’s klappt?