Gedanken

Die Stille von nebenan

Sitzfläche | Anne Seubert

Deine Stille ist eine der ersten, wenn ich morgens die Füße versuchsweise neben das Bett stelle. Noch aus der Nacht hinübergerettet und erst wenn ich auftrete gewahr werdend, dass das ja schon Morgen ist, und alles andere Regen von gestern, was sag ich, Sturm. Und dann ist auch schon wieder Ruhe und der Kaffee, der einzige, der spricht, laut und in dickwandigen Tassen am liebsten gurgelnd, die Crema auf Kante und den Löffel verzuckert: Einer muss ja süß aufschlagen bei der Nachrichtenlage, eine muss ja wach sein und nüchtern, einer muss ja stillhalten und die Hand auf und dem müden Wunder zum Fraß vor.

Sitz, sagst du, als die Wolke sich nähert und ihre Schatten schonmal Tuchfühlung aufnehmen lässt, da hat die Sonne das Handtuch schon geworfen, so weit, dass kein Tropfen fällt, der nicht zuvor auf Körpertemperatur angewärmt und an Frottee serviert, wir sind hier schließlich all incl., you know, und ich habe ein Auge auf dich niedergelassen, das da eine Weile ruhen, wenn nicht sogar Sitzfleisch ansetzen möchte.

Deine Stille ist eine, die nicht nachhallt, nicht vortanzt, nicht übermütig wird, sondern dem Moment noch im Vorbeigehen eine Bühne bastelt, eine, die aushält, wenn auch erstmal zur Probe oder wie man heute sagt: bis auf Weiteres.  Die trägt, auch wenn alles bricht, selbst die Zeile um, wenn die Zeit sich in Falten schlägt und das Wasser Salz ansetzt, die hält, auch wenn sie selbst in Versuchung, wenn alles lauter und lauter um Vergebung bittet und Ablenkung per default geliefert wird. Deine Stille ist eine, die ich annehmen und duzen kann, auf Anhieb und gute Nachbarschaft.

Gedanken

Ein Schweigen für zwei

Cigarettes after sex | © Anne SeubertUnd dann bist du still geworden…

Du hast dein Schweigen ausgebreitet in die Sonne gelegt.
Du hast dein Schweigen ganz glatt gezogen,
die Ränder gesäumt mit Geduld und Spucke.
Du hast dein Schweigen deine Fingerspitzen spüren lassen, Trigger für Trigger,
bis es sich entspannte.

Das Wort aber hast du bei der Hand genommen.
Komm, hast du ihm gesagt, ich möchte dir etwas zeigen, hast du gesagt
und ihm drei Komma und zwei Zeilensprünge eingepackt, Wegzehrung.
Es gibt etwas, das du lernen solltest, hast du gesagt
und deinen Zeigefinger auf deine Lippen gelegt, zart aber bestimmt.

Du hast dein Schweigen schlafen lassen, und eine Geschichte träumen,
in der es laut und immer wieder leise wurde, in der gelacht, gestöhnt und gejubelt wurde.
Du hast dein Schweigen sich ausdehnen lassen und träge werden,
den Himmel hast du scharf angeschaut zum Abschied, er würde es nicht wagen, zu regnen.

Ich trag dich ein Stückchen, hast du zum Wort gesagt,
und deine Arme ausgebreitet, noch bevor es losging. Komm!, hast du gesagt,
und das Wort hat dir vertraut, hat die Geschichte in dir erkannt, die es erzählen wollte.
Es wird ein weiter Weg werden, die Zeit wird uns lang und unbequem werden,
du wirst manches vergessen, anderes verlieren und vieles erst nicht erkennen.

Du hast dein Schweigen angesehen und in den Himmel geblinzelt, wie man einem Komplizen
zu verstehen gibt, dass man ihm vertraut, dass man ihm sein Leben anvertraut.
Du hast den Weg beim Wort genommen und einen Schritt ausprobiert,
den man nur zu zweit gehen kann, und dann war da ein Weg und das Wort in deinem Arm.

Ich geb euch ein Stündchen, hat sich die Zeit gedacht, und dann hat die Geschichte begonnen, die du erzählen wolltest und die ich mir ausgedacht hatte. Und das Wort hat die Kommata und Zeilensprünge verteilt und den Schluss bis zu einem Ende verschoben, das nicht mal der Himmel auf dem Schirm hatte und der hat schon einiges gesehen, von dem er lieber schweigt.