Gedanken

Inventur, unordentlich

Keinen Buttermondstollen, kein Lebkuchenherz, keine Schokoladenküsse. Einsamkeit, kalt wie der Sommermorgen und reißfest wie der Nebel über der Wutachschlucht.

Frostbeulen statt halbherzigem Getröpfel, Hitzschlag statt mildem Sonnlächeln. Gipfelstürmer der Jahreszeiten, seid willkommen. Es wird lauthals gelacht und geschrien, aber wehe man säuselt, puschelt oder schunkelt. Gurgeln wird immerhin toleriert.

Ein Kilo Flusen gibt es umsonst, für die Spinnweben aber wird ein Obolus in waghalsiger Höhe angesetzt. Punscht was das Zeug hält, mag man raten, aber ehe der Mund geöffnet, klingelt das Telefon und verlangt Aufmerksamkeit, ungeteilt und weder stern- noch herzförmig ausgestochen. Dass Marmelade immer zu Boden nie gen Himmel fällt, lernte ich gestern und heute gibt es stattdessen Currywurstprinten.

Der Feierabend flucht der Kernzeit hinterher, die sich patzig die Ohren zuhält. Emanzipation der Viertagewoche grummelt sie vor sich hin, und schnäuzt sich in Urlaubsantragsformulare. Sie fühlt sich übergangen. Und gegenüber hält Medusa lasziv ihre gestülpten Lippen geöffnet, der Taube ein Nest, dem nie eintreffenden Sonnenstrahl ein Schattenbad.

Quietschend rächt sich der Metallbohrer beim Cateringservice und lacht zähnezerknirrschend mit der Kreisssäge um die Wette. Das Rosa der Lamellen bleibt ungerührt schmutzig, stellt sein Alter bloß und rätselt mit dem oxidierten Kupfer der Regenrinne über eventuelles Verblassen als Möglichkeit des gewaltlosen Widerstands.

Bulgur an türkischer Minze verspricht der Mittag in der Kantine dem Leckermaul, das sich ob des ersten optischen Eindrucks Omas Knödel beschwörend, abwendet, es bleibt bei Suppe und Quark.

Der Drucker streikt derweil bei großporigen Motiven zuverlässig und lässt mehr als ausreichend Raum zwischen jeder Zeile, er stöhnt als wär’s sein letzter Druck. Ich trete ihn vorzugsweise und/oder konspirativ unterm Tisch und er ergibt sich seufzend in die Rechnungstabellen und wie am Fließband produzierte Strichcodes anmutendenden Vertragspartneradressen. Und so ergebe auch ich mich für ein weiteres Viertelstündchen.

Gedanken

Renaissance

Wenn lackieren nicht mehr hilft und der Spliss allzu offenkundig an der Epidermis’ Poren zu Tage tritt, weiß man, es ist Zeit für eine Oberflächentiefenüberholung. Wenn dann auch noch das Lächeln in die Kehle rutscht, man sich verschluckt und plötzlich auf Kommando in der Lage ist, Schuppenpartikel auszuspucken, wird es höchste Zeit. Es lohnt im Übrigen nicht, sich Äquivalenzumformungen hinzugeben und für die Radiokarbonmethode ist es allem Pessimismus zum Trotz dann doch noch zu früh.

Du schleichst atemlos durch jüngst verwaistes Laub, das aus Stahl geformt zu sein scheint, so schmerzhaft anstrengend ist jede Berührung mit ihm für Deinen großen Zeh. Es keucht wie Du, nur aus unzählig mehr Kehlen, und ihr versucht euch in berührungsloser Koexistenz. Lächerlich mutet es an, zu unumstößlich die Gesetze der Gravitation und zu flächendeckend der Laubbefall des Fußgängerwegs. Du rettest Deine Fingerkuppen in die flusenbewohnte Innenecke Deines graumelierten doppeltgenähten Wollstoffmantels. Und dort, wo die Winkelhalbierende ihren eigenen Winkel trifft, bohrt sich spiralförmig und in der weiß-weichen Haut unter Deinen zu lange nicht geschnittenen Fingernägeln ansetzend ein neuer Traum in Dein Gewebe. Er steuert, wie von Ferne, subkutan streng parallel zu den Papillen, aber unaufhaltsam schnuppernd, auf Dein Herz zu.

Dieses wiederum erhöht in der Folge seine Frequenz, klimpert erwartungsvoll mit falschen Wimpern und stülpt die Lippen in Form. Es weiß nicht, dass es noch Jahreszeiten dauern kann bis zum Eintreffen des Verursachers all dieser vorbereitend ausgeführten Reaktionen. Deine Außenhaut empfängt von all dem nur bleich flüsternde Signale und Du selbst wirst nicht vor morgen früh, beim ersten mürrischen Blick in den Spiegel, bemerken, dass sich Deine Oberflächenspannung relativ prim erhöht hat und dementsprechende das Rundungsverfahren eingeleitet wurde. Die Wangenknochen wölben sich wieder konvex und ein roséfarbener Schatten macht sich seit fünf Uhr früh auf, sie zu benetzen.