Gedanken

Boden 1 – 5

Wenn ich die Brücke zwischen Klein-B. und Groß-B. betrete, egal mit welchem Fuß beginnend, überkommt mich dieses Gefühl. Ein Gefühl, das an die Freiheit erinnert, die einen an den Hamburger Landungsbrücken ereilt. Ein Gefühl auch, das den Auszug aus dem Elternhaus beinhaltet. Und auch so etwas wie Erhabenheit.
Es verwundert zunächst, ist doch kein Hafen, schon gar kein Überseehafen in der Nähe, kein Kapitän also, der mich in die große weite Welt bringen könnte mit seinem Schiff, im Gegenteil. Auf der anderen Seite wartet das Münster, auf einem Hügel gelegen, stolz und nur durch schmale Gassen erreichbar. Kopfsteinpflaster versteht sich. Im 16. Jahrhundert trafen sich auf dem Platz davor, auf dem heute Kastanien stehen und im Sommer Freiluftkino veranstaltet wird, Erasmus von Rotterdam und Hans Holbein der Jüngere zu konspirativem Geplänkel.
Im Kreuzgang des Münsters liegt Bernoulli zusammen mit den anderen berühmt gewordenen Söhnen der Stadt, unerreichbar für den Fährmann, der unermüdlich zwischen den Flussufern pendelt. Motorlos übrigens, allein von der Kraft der Strömung getrieben.
Das rote Rathaus wartet hinter einer Biegung erst, also noch nicht sichtbar von der Brücke aus, ebenso wie der “Rote Engel“, das Café für die Schale danach, samt Schachduell und Gauloise. Kurz vor der Steinenvorstadt kommt links das Theater mit dem Tinguelybrunnen davor, wo wir früher nach dem Kino immer aufeinander warteten, die Füße bis über die Knöchel im kalten, schmutzigen Wasser.
Heute fuhr ich mit dem Fahrrad rüber, freute mich schon den ganzen Hinweg auf das Brückengefühl, das sich wegen überfüllter Brücke irgendwie nicht einstellen wollte. Und dann dachte ich mal wieder an Dich, wie Du Menschenmassen verabscheut hast, laute volle Kneipen waren Dir ein Gräuel, aber schon stark bevölkerte Fußgängerwege waren Dir zuwider. Und dann kam mir dieser Moment wieder hoch, wie wir einmal auf einen Brückenpfeiler runter geklettert waren und Stunden damit verbracht hatten, auf dem Rücken liegend, die über die Brücke gehenden Menschen anhand ihres Ganges zu imaginieren.
Du mochtest diese Stadt immer sehr, vor allem die Seite jenseits des Flusses, die mit den Hügeln, die wir uns nacheinander erobert hatten.
Als ich am Nachmittag schließlich zurückfuhr, war es bereits beißend kalt und den Berg hinabrollend fürchtete ich mich fast vor der Brücke und dem Wind, der mir dort in die Ärmel und Hosenbeine blasen würde. Doch als es schließlich so weit war, spürte ich nichts vom kalten Wind, nur Deine Sehnsucht kroch mir nasskalt in den Kragen und machte mich frösteln. Da war es gut, dass auf der anderen Seite der Sonnenuntergang nebst Heimat wartete und mich in die Arme schloss.

Gedanken

Inventur, unordentlich

Keinen Buttermondstollen, kein Lebkuchenherz, keine Schokoladenküsse. Einsamkeit, kalt wie der Sommermorgen und reißfest wie der Nebel über der Wutachschlucht.

Frostbeulen statt halbherzigem Getröpfel, Hitzschlag statt mildem Sonnlächeln. Gipfelstürmer der Jahreszeiten, seid willkommen. Es wird lauthals gelacht und geschrien, aber wehe man säuselt, puschelt oder schunkelt. Gurgeln wird immerhin toleriert.

Ein Kilo Flusen gibt es umsonst, für die Spinnweben aber wird ein Obolus in waghalsiger Höhe angesetzt. Punscht was das Zeug hält, mag man raten, aber ehe der Mund geöffnet, klingelt das Telefon und verlangt Aufmerksamkeit, ungeteilt und weder stern- noch herzförmig ausgestochen. Dass Marmelade immer zu Boden nie gen Himmel fällt, lernte ich gestern und heute gibt es stattdessen Currywurstprinten.

Der Feierabend flucht der Kernzeit hinterher, die sich patzig die Ohren zuhält. Emanzipation der Viertagewoche grummelt sie vor sich hin, und schnäuzt sich in Urlaubsantragsformulare. Sie fühlt sich übergangen. Und gegenüber hält Medusa lasziv ihre gestülpten Lippen geöffnet, der Taube ein Nest, dem nie eintreffenden Sonnenstrahl ein Schattenbad.

Quietschend rächt sich der Metallbohrer beim Cateringservice und lacht zähnezerknirrschend mit der Kreisssäge um die Wette. Das Rosa der Lamellen bleibt ungerührt schmutzig, stellt sein Alter bloß und rätselt mit dem oxidierten Kupfer der Regenrinne über eventuelles Verblassen als Möglichkeit des gewaltlosen Widerstands.

Bulgur an türkischer Minze verspricht der Mittag in der Kantine dem Leckermaul, das sich ob des ersten optischen Eindrucks Omas Knödel beschwörend, abwendet, es bleibt bei Suppe und Quark.

Der Drucker streikt derweil bei großporigen Motiven zuverlässig und lässt mehr als ausreichend Raum zwischen jeder Zeile, er stöhnt als wär’s sein letzter Druck. Ich trete ihn vorzugsweise und/oder konspirativ unterm Tisch und er ergibt sich seufzend in die Rechnungstabellen und wie am Fließband produzierte Strichcodes anmutendenden Vertragspartneradressen. Und so ergebe auch ich mich für ein weiteres Viertelstündchen.