Gedanken

Renaissance

Wenn lackieren nicht mehr hilft und der Spliss allzu offenkundig an der Epidermis’ Poren zu Tage tritt, weiß man, es ist Zeit für eine Oberflächentiefenüberholung. Wenn dann auch noch das Lächeln in die Kehle rutscht, man sich verschluckt und plötzlich auf Kommando in der Lage ist, Schuppenpartikel auszuspucken, wird es höchste Zeit. Es lohnt im Übrigen nicht, sich Äquivalenzumformungen hinzugeben und für die Radiokarbonmethode ist es allem Pessimismus zum Trotz dann doch noch zu früh.

Du schleichst atemlos durch jüngst verwaistes Laub, das aus Stahl geformt zu sein scheint, so schmerzhaft anstrengend ist jede Berührung mit ihm für Deinen großen Zeh. Es keucht wie Du, nur aus unzählig mehr Kehlen, und ihr versucht euch in berührungsloser Koexistenz. Lächerlich mutet es an, zu unumstößlich die Gesetze der Gravitation und zu flächendeckend der Laubbefall des Fußgängerwegs. Du rettest Deine Fingerkuppen in die flusenbewohnte Innenecke Deines graumelierten doppeltgenähten Wollstoffmantels. Und dort, wo die Winkelhalbierende ihren eigenen Winkel trifft, bohrt sich spiralförmig und in der weiß-weichen Haut unter Deinen zu lange nicht geschnittenen Fingernägeln ansetzend ein neuer Traum in Dein Gewebe. Er steuert, wie von Ferne, subkutan streng parallel zu den Papillen, aber unaufhaltsam schnuppernd, auf Dein Herz zu.

Dieses wiederum erhöht in der Folge seine Frequenz, klimpert erwartungsvoll mit falschen Wimpern und stülpt die Lippen in Form. Es weiß nicht, dass es noch Jahreszeiten dauern kann bis zum Eintreffen des Verursachers all dieser vorbereitend ausgeführten Reaktionen. Deine Außenhaut empfängt von all dem nur bleich flüsternde Signale und Du selbst wirst nicht vor morgen früh, beim ersten mürrischen Blick in den Spiegel, bemerken, dass sich Deine Oberflächenspannung relativ prim erhöht hat und dementsprechende das Rundungsverfahren eingeleitet wurde. Die Wangenknochen wölben sich wieder konvex und ein roséfarbener Schatten macht sich seit fünf Uhr früh auf, sie zu benetzen.

Gedanken

60 Stunden

60 Stunden bekommt man verschrieben, wenn man auf einmal nicht mehr sehen kann. 60 Stunden um den Umgang mit dem Stock zu lernen, das gleichmäßige Schwenken, das Halbkreise auf den Boden vor sich zeichnen. 60 Stunden um das Gewicht und den Rhythmus halten zu lernen. 60 Stunden um wieder verkehrstauglich zu werden.

Als Bonusmaterial gibt es eine Leuchtdiode, einem Fahrradrücklicht nicht unähnlich, die man sich an die Brust pappt, um auch im Dunkeln gesehen zu werden, raffinierterweise mit einem Zippo ausgestattet, an den man den Stock vorübergehend einklinken kann, wenn beide Hände benötigt werden. Beim Zahlen an der Kasse beispielsweise. Und für den Stock ein rundes und ein spitzes Endstück, alle zwei Monate müssen sie ob Verschleiß ausgetauscht werden. Der schwarzgepunktete gelbe Anstecker gehört serienmäßig in dreierlei Ausführung dazu.

60 Stunden, auch wenn es schwierig wird, die Zeit zu lesen. Eine Alternative bieten zeitansagende Armbanduhren, etwas diskreter die Variante zum Aufklappen mit in Braille verfasster und damit abtastbarer Zeitangabe. So gar nichts für Fashion-Victims und zarte Armgelenke sind die grellbunten Exemplare mit bierdeckelgroßem Ziffernblatt. Obwohl Farbe wichtig wird, wenn das Augenlicht abnimmt und so transparente Glasgefäße – Wasser- und Weingläser beispielsweise – nicht mehr wahrnehmbar. Aber in Zeiten von IKEA hat man ja große Auswahl an Buntglasgefäßen jenseits des Kristallglases, so dass das unvermeidliche Zerschmeißen trotz Signalfarbe nicht gleich den Bankrott nach sich zieht. Teetrinken, und auch Kaltgetränke in Zukunft aus dickwandigen Tassen zu trinken, sind trotzdem weitere bedenkenswerte Möglichkeiten.

60 Stunden, wenn Fernsehen zum Radio verkommt, wenn Zugfenster nur mehr Schlieren beheimaten und Bücher keine Freunde mehr werden können. Wenn Mitmenschen zu lärmproduzierenden Silhouetten verkommen, die oft wohlmeinend stützen wollen und sich dann scheiternd abwenden. 60 Stunden, wenn die Tage mit Unsichtbaren gefüllt werden wollen, Freunde zu Helfern verkommen und wenn Teelichter nur mehr Wärme aber kein Licht spenden. Die Schokolade schmeckt noch wie im Vorjahr, zeitlos gut nämlich, die Eisblumen hingegen werden unbemerkt blühen.