Gedanken

Seid Punkrocker, keine Hippies!

Es mangelte nicht nur an Qualität, nein, ganz banal auch an Quantität und allein pogen bringt den Saal nicht zum kochen. So blieben die Töne eher jazzig, und damit oft seltsam unmotiviert vereinzelt im Raum stehen. Die Massen waren nicht gekommen, und die Individuen lehnten an den Türbalken und Wänden, fragten höchstens nach dem Weg zur Toilette und applaudierten nur höflich. Man betrieb Sozialforschung und genoss mindestens zwei Bier zu viel, zum Reden bot sich der Kassierer an, dessen Sarkasmus und Auswahl an Flyern von Alternativ-Veranstaltungen den Antritt des Heimwegs noch ein paar Minuten herauszögern konnten. Dieser – durch den nächtlichen Nieselregen – gestaltete sich dann nicht als Abkühlung sondern als tristnasse Fortsetzung eines Abends, der zu Hause angenehmer verlaufen wäre. Illusionsschonender so to speak.

Und meine Füße in die Pedalen stemmend, den wenigen Autos ausweichend mir meinen Weg durch die Stadt nach Hause suchend, lasse ich die Töne nachwirken, hatten es einige ja dann doch geschafft, mein Gedächtnis zu erreichen. Plötzlich trete ich im Rhythmus längst vorgetragener Texte und merke am weitausholenden Ausweichmanöver des nächsten Autos, dass ich uwillkürlich Schlangenlinien fuhr. Ich lächle die rote Ampel an und stelle meinen Fuß neben die Pfütze. Jetzt noch zweimal links abbiegen und dann nur noch die Treppe hoch.
Mein Vorderlicht surrt beruhigend, als ich das Rad durch die Haustür schiebe und auf der Treppe gähne ich fast.

Nichtsdestotrotz, ein müdemachender Abend.

Gedanken

S(ch)atzinseln

Lesend gefalle ich mir nicht nur besser, ich fühle mich auch gleich viel weniger sinnlos. Was albern anmutet, ich weiß. Lesend erobere ich mir Meere, Welten, ja Herzen und erweitere dabei spielend meine Horizonte. Noch ein Meer hier, und dann darin geschmökert, hier einen Küstenstrich entdeckt und dort muschelreiche Strände gekapert. Hier eine Meerenge durchkreuzt und da ein Kap umsegelt und schon war ich wieder drei Stunden älter aber sieben Leben reicher.
Kapitelweise verschlinge ich Romane, lasse mich ent- und verführen, mitunter sogar dazu, die letzte vor der ersten Seite zu lesen. Ich versinke in fremden Schicksalen, in virtuellen Bedrängnissen und erfundenen Dilemmata, ich atme im Umblätterrhythmus und organisiere das zur-Tasse-greifen nach Absätzen im Text. Und dann und wann hebe ich Schätze, ganz ohne Karte und verhextem Kompaß, Satz-Juwelen, die nur für mich in einem zwei Kilo schweren, tausend Seiten tiefen Buchstabenmeer versenkt wurden, auf dass ich früher oder später meinen hungrigen Blick darüber gleiten ließe und den Schatz hübe:
Ewig wird der Muschel die Schönheit ihres Werkes unbekannt bleiben. Dieser Satz Paul Valérys enthält das Paradox seiner Weltansicht: Nur die Muschel >weiß< , wie sie ihr Gehäuse macht, und nur sie findet die Geborgenheit im Zentrum seiner Zweckmäßigkeit; aber der Glanz dessen, was sie um sich absondert, bleibt ihr im Dunkel – der Genuss des Werkes erfordert den exzentrischen Betrachter, den, der es selbst nicht gewesen ist, den Fremden aus der Welt der Nichtmuscheln. (Hans Blumenberg)

Eine Tasse Tee und drei Seiten weiter hänge ich gedanklich immer noch an diesem Satz fest –
Let me be you eccentric beholder.