Gegenwart

Ein Herz aus Zimt

Äpfelchen | © Anne Seubert

Du reichst das Unausgesprochene weiter wie einen leergewordenen Krug. Du kommst aus der der Sprachlosigkeit einer getürmten Vergangenheit, einer Kindheit auf der Flucht, einem Vater aus Versehen. Deine Wahrheit ist eine von der fragilen Sorte, die kaum ausgesprochen schon wieder auf dem Rückzug, Gleis 9.

Dein Herz schlägt zwei Takte vor und einen zurück, wie ein Hund, der sein Herrchen aus seiner Verkrustung locken möchte, runter vom Balkon: Komm spielen, leben, Leichen schmausen, eine Runde Zucker und Zimt ausgeben! Bis zum Tod lass mich dich tanzen machen!

Deine Furchtlosigkeit wacht als Fragezeichen auf: Welcher Feind lag heute in unserem Bett? Und atmet dabei dreimal so viel ein wie aus, hyper, sagen sie und ahnen einen nervösen Charakter. Dabei sagt jeder Zug sein eigenes Gedicht auf, auf Kante gereimt zuweilen, andere so zart wie unausweichlich.

Dein Kinn erkennt an, indem es verzeiht und fällt aus der Zeit, wie die Antwort auf sich warten lässt. Es war nie genug da und es war immer zu viel. Ein Spielball der Assoziationen die Zeit, die dir Mutter und Vater zugleich, ihre Stunden aufs Auge drückte, auch wenn du längst blind und der Krug gefüllt.

Gegenwart

Alles auf Gleis Eins

Land in Sicht | Anne Seubert

Du suchst die Gefahr in mir, wo ich auf Sicherheiten lausche.
Du willst den Himmel, wenn ich Boden schaffe.
Du wünscht dir ein paar Schatten an Bord, ich hungere nach Licht.
Du gibst mir nach, wo ich vorfühle.

Auf links getragen zeigst du dich inwendig bescheiden.

Ich öffne deine Wunde vorsichtig.
Du stillst meine Sehsucht heimlich.
Ich lerne das Wachen täglich.
Du sortierst die Noten nachträglich.

Ich lege die Noten ins Nähkästchen, säume deine Kummerbündchen und webe uns ein Stück aus roten Fäden only. Morgen ist auch noch ein Tag, weiss dein Telefon und ich lasse es trotzig fünfmal klingeln, bevor ich das nächste Lied auflege.

Frühstück im Bett fordert dein Blickf zwischen zwei zu spät gekommenen Wimpern.

Mit dem ersten Laut machst du deutlich wie wichtig dir Rhythmus und Takt. Als du mein Glas füllst und den ersten Schluck nimmst, ahne ich, wie es sich anfühlt von dir berührt zu werden. Kurze Zeit später ist es soweit: Wir machen es wie bei den Fiakern und nehmen das erste Zeichen, das kommt.

Ich liebe dich wöchentlich.
Du sagst es mir sonntäglich.
Ich wundere mich ehrlich.
Du birgst mich brüderlich.

Erst das Wunder dann die Natur.

Du wirst die Wellen nicht stunden, die das Leben dir bricht. Du wirst nicht brechen unter den Stunden, die der Himmel dir vorschlägt, morgens, mittags oder gar abends. Du wirst die Nacht teilen mit einer, die das Licht duzt und den Horizont Gassi führt.