Gegenwart

Querfeldeins, zwei, drei

Fläming | © Anne Seubert

Zwischen Korn und Wirklichkeit setzt du deinen Fuß auf einen Boden, der noch nicht Acker, nicht Feld, nicht Spiel und schon gar nicht Satz, und doch Brot und Salz und die Zärtlichkeit des Landwinds zur blauen Stunde zwischen seinen Zehen trägt. Der Sprache müde taucht dein Leib kopfüber in das Rauschen der Ähren, das den heilenden Duft der zwischen dem gutmütig schwankenden Getreide wurzelnden Kamille trägt: ein weiss-gelb blühendes Medaillon, ungezupft gebliebene Devotionalie an von Schnupfen geprägte Kindertage und trockene Hände.

Auf Stille setzt, wer hier ankert, wer sich den Luxus der Vermeidung aller urbanen Erfahrungen vorbehält, wer reich an Sinnen und Poren, und Berührung nicht nur als Beschmutzung wahrnimmt, dem Schmutz im helvetischen Sinne eine Zärtlichkeitsbekundung zutraut. Wer Schritte wagen will, wird hier ermuntert, Wege zu gehen, die ganz bei sich bleibend fern vom Ziel ankommen, prall und rund und satt deinem Körper eine Heimat einflüsternd. Eine Heimat, die tausend Sommer tief gereift bar jeden Winters. Deren Weiten unter einer landlustigen Sonne gewendet wurde und deren Schmauchspuren als Aromenspender unterm Negligé trägt, jederzeit bereit, sich auszuziehen.

Das Feld ist bestellt, ist nackt und wild und weithin verwundbar, ist wogende Einheit und ungestüme Vielfalt, ist Nährstoff und Fluchtversuchung. Das Feld ist abgesteckt, steht Rede und Antwort und auf, wenn du des Treibens müde eine Bleibe suchst, die dir Obdach und Komplizin zugleich, durchlässig und Schutzheilige. Das Feld teilt seinen Boden mit dir, seine Früchte, seine Nesseln, seine Schatten, seine Verwehungen und sein Poesiealbum, in das du eingeladen bist, dich zu verewigen jenseits allem, was bleiben könnte: Einem Duft, einem Abdruck, einer Blüte.

 

Gegenwart

Bevor die nächste Ausgabe in Druck

You make my heart cream | © Anne Seubert

Du legst die Frage neben die Antwort, die Zeit in den Raum, den Himmel auf die Erde.
Du liest das Wetter aus den Wolken, die Lippen aus den Küssen, das Wollen in das Lassen.
Du singst deiner Stimme vor und zurück, den Schaukelstuhl an die Wand, nach Noten, die den Schlüssel um den schlanken Hals gewunden.

Du rätst der Welt, dich nicht zu entblättern, bevor die nächste Ausgabe in Druck.
Du lädst mich in dein Rätsel, kurz vor der Lösung die Kurve kratzend, Fingernägel voran.
Du kredenzt der Nacht ein Laken, das Falten als der Weisheit letzter Schluss ganz Monogramm auf der Kopfseite gestickt trägt.

Du weihst ein und aus, die Ernte des Sommers vorwegnehmend, als ob bereits gepflückt, entsteint und entsaftet.
Du reist, das Ohr an meiner Brust geborgen, den Atem an der langen Leine und den Nacken mit einer Einladung zum Kraulen entblößt.
Du räumst das Feld mit beiden Armen rudernd, um, was sich eingeschlichen hatte um zu überwintern. Ein auch. Und mich auf.