Gelage

Der richtige Moment

Horizont | Anne Seubert

Der richtige Moment ist mitunter unerträglich schüchtern, dann wieder unfassbar gut drauf und manchmal erst durch den Kontext unwiderstehlich. Nicht nur das verbindet uns. Auch die fleischgewordene Abneigung gegenüber jeglicher Art von Diät.

Der richtige Moment reift im Dunkeln, redet sich im Schlaf um Kopf und Kragen und fühlt sich unter der aufgehenden Sonne pudelwohl. Er hält wenig von Nachhaltigkeit und Marathonlauf, umso mehr von Punktlandungen. Sein Augenaufschlag macht dich knülle, aber auch mit geschlossenen Augen gehst du vor ihm in die Knie.

Der richtige Moment ist ein Steh-auf-Frauchen, das Haar schwungvoll in den Nacken geworfen, den Absatz gern ruiniert, denn am liebsten ist er barfuß unterwegs, knietief im Nichtsdestotrotz. Alle auf Achtung, empfiehlt sein Adjutant und legt beflissen das Cabrio in die Kurve: Heute verrät die Uhr ihre Zeiger, bleibt pünktlich stehen und lässt keinen Stein auf dem anderen.

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Dem Frühling auf die Mailbox

Mandelblüte | © Anne Seubert

Dem Frühling zum  dritten Mal auf die Mailbox gesprochen, aber er ruft nicht zurück. Mit dem Feldstecher in der Handtasche klar Schiff gemacht, aber weiterhin kein Land in Sicht, nicht einmal eine Insel.

Dem Wetter ins Gewissen geredet, ja auch über Nacht wäre ok, aber es ließ keine Gardinenpredigt gelten, stellte auf Durchzug und löschte sogar das Licht.

Dem Frühling also nochmal auf Band gesprochen und fast um Kopf und Kragen, aber da nahm er plötzlich ab und uns auf, wie wir da so wie zum allerersten Mal das Blaue vom Himmel erzählten, tief Luft holten und er mir trotz Heuschnupfen das Blühen buchstabierte.

Ich schrieb heimlich mit, wer weiss, ob er nocheinmal abnimmt und wenn ja, mit welcher Stimme. Und dann regnet es plötzlich Rosé. Ob ich schwimmen könne, lächelt er durchs Telefon, eigentlich um mich zu trösten und dann steht auch die Gänsehaut plötzlich im Drehbuch und du blühst.