Gelage

Einen braucht der Mensch zum Treten*

Manchmal wünsche ich mir Dich schon zur Seite. Dann wenn es mal wieder an allen Ecken und Enden ziept zum Beispiel. Oder wenn der Wind zu stark mir zwischen die Wimpern weht.
Dann fluche ich laut und dreckig und hoffe inständig, dass mich jemand höre und sich angesprochen fühle. So angesprochen sogar, dass er dagegen wettere. Meist jedoch, bleibt es beim Wunsch. Wenn die Finger dann auch noch kalt werden, fang ich an zu singen. All die Songs, die andere nur unter der Dusche anzustimmen wagen, von deutschem Schlager über Abba und The Offspring.
Beim zweiten oder spätesten dritten Durchlauf des Refrains – bei den Strophen versagt mein Textgedächtnis konsequent – fährt mir der Rhythmus von den geöffneten Lippen über den Gaumen durch den Rachenraum in den Nacken, rutscht an meiner Wirbelsäule die Bandscheiben hervorkitzelnd bis übers Kreuz in den Beckenboden. Dort vibriert er kurz, auf dass mein Gesäß in der Folge irritiert den Kontakt mit dem Sattel verliert und für Sekunden in der Luft rotiert. Diese Sekunden nutzt der Rhythmus um sich taktlos an den Backen vorbeizuschlängeln und mir in die Beine zu fahren. Und ab da ist Rock’n’Roll in den Kniekehlen, es wird gestaucht und gestreckt, getreten und getippt.
Freddie M. ist mit mir und mit meinen Knöcheln. Die Waden spannen und entspannen sich im Dreivierteltakt, die Oberschenkel zittern sich zum Grande Finale die leichte Anhöhe gen heimische Höhle hinauf.
Und wäre mein gehörntes, grünes Velo nicht tapfer stets und ohne Murren und nur seltenem Quietschen unter mir, jeden Tritt in fast vorauseilendem, definitiv aber nachwirkendem, Gehorsam in temposteigernden Schwung umsetzend, ich würde vermutlich unschuldige Bürger treten. Mit jedem Schritt den ich dann mehr zu gehen hätte, zielsicherer und schmerzintensiver.

*K. Wecker

Gelage

Obelix & Co.

„Wildschweingulasch!“ entscheidet Oma als erste, während die anderen Familienmitglieder noch in der Karte versunken den Versprechungen der Menüs lauschen und nur zwischen den Zeilen hastig den Speichel notdürftig wieder in die Mundhöhle zurücksaugen. Oma wird ihre allzu schnelle Wahl später noch bereuen und das nicht nur die am Tisch sitzenden Familienangehörige, sondern ebenso die Gäste am Nachbartisch wie auch die mittelalte Kellnerin, die an diesem Abend nicht in Bestform war, wissen lassen: „Zäh wie Leder!“ stößt sie beim ersten Bissen hervor, den sie angekaut wieder zurück auf den Teller spuckt und mit der Gabel an die Seite schiebt, „War wohl ne alte Sau!“

Die Umsitzenden lächeln angestrengt milde, während der Opa ersteinmal das Grappa-Sortiment unter die Lupe nimmt und sich dann doch für einen heimischen Zwetschge entscheidet, der sei ihm noch so gut in Erinnerung. Und als das Glas von der Kellnerin schwungvoll begossen, bittet er den 12jährigen Enkel Probe zu nippen, worauf der Vater des Enkels erwartungsgemäß empört aufbegehrt. Er trinkt, dem Opa seiner Meinung nach, allerdings das falsche Bier, und ist somit nicht ernst zu nehmen. Den Enkel freut’s, er wagt einen Blick ins Glas des Ahnen. Es bleibt ein kurzer Blick, fast ein Zwinkern nur, dann gewinnen die Pommes an Cordon Bleu wieder an Faszination, die sie für eine ganze Weile auch behalten.

Der Rest ist Zanderfilet und Coupe Danmark und zwischen den Erwachsenen Gespräche, die so absurd, dass Brillen beschlagen und Füße unruhig um Auslauf bitten. Die Oma referiert noch übers alte Testament, der Opa versteht Empathie und setzt zu einem Monolog über sein neues psychologisches Wörterbuch an. Da kann die Oma einhaken, allerdings mit diametral konträr angesiedelter Meinung. Das Hörgerät funktioniert nur links, die eigene Meinung steht dafür robuster als jeder Gallier, wenn auch zu einem anderen Thema.
Die übrigen versuchen sich in Nicken und beifälligem Gemurmel und die Kellnerin vergisst gar ein Gericht komplett, ein anderes verdreht sie ineinander, so dass das Sauerkraut beim Rotbarsch auf dem Teller landet. Das Familienhaupt bleibt gnädig und lässt sich mit 45iger Zwetschge bestechen. Die Fleischbrocken auf Omas Teller werden und werden nicht weniger, und das nicht weil zu zäh, sondern eher weil zu zahlreich und nach und nach wird jedes Familienmitglied aufgefordert, sie doch bitte beim Verzehr des Ebers zu unterstützen. Verweigerung ist unakzeptabel und wird umgehend mit Schimpfkanonaden geahndet. „Sonst helft ihr mir auch immer.“ Das ist gelogen, wie sie weiß, und so untermalt sie es mit theatralischem Schluchzen.
Der Rotwein tröstet sie nur temporär, aber die Aussicht auf mindestens zwei Löffel Mousse au Chocolat, ermöglichen der Kellnerin das Abräumen des kalten verzehrresistenten und vom Rest der Familie verschmäht gebliebenen Wildschweins.