Gelage

Pubertierende Nächte hinterm verschneukten Ohr

Und zwischen die Tage ein paar pubertierende Nächte packen. Mit zu langen Armen, zu viel Ellenbogen und zu spitzen Brüsten. Nächte, die erst nach Mitternacht aufwachern und locker 72-Stunden-Schichten schieben. Nächte, die keine Betten zu kennen scheinen. Die den Mond so stürmisch umgarnen, dass er nicht nur Feuer leckt sondern die Sonne für Minuten zum Schweigen bringt. Nächte, die schattenhungrige Sätze gebären, ganz ohne Bauchnabelflaum.

Überhaupt Schatten. Wolken. Wolkenschatten. Nächte, in denen die Milchstraße Schatten wirft und der Zackenbarsch die Orientierung verliert. Die eine Nacht, die dich hinters Ohrläppchen küsst, in das feine Eckchen, wo das linke Ohr nur einen Schattenwurf entfernt, wo dein Haar der Wolke ausweicht und der Charmeur die Goldmünze draus hervorzaubert. Nächte, die es faustdick hinter den Ohren haben und dem schrundigen Leib nicht nur ein Lächeln sondern gar Begehren entlocken. Ein schüchtern Verschneuktes erst. Ein Vollmundiges später zum zweiten Kaffee am Strand.

Nächte, die der Lust Laune machen. Dem Raunen eine Brücke bauen, zedern und barfuß begehbar. Die dem Zaudern Haut bieten, mit Zartheit ködernd. Den Mulden nachhorchend, die der kleine Finger während dem Zähneputzen vorgefühlt hatte. Der Lust kleine Albernheiten zuflüsternd das Haar mal wieder offen tragen. Gegen den Wind wagend Abendsonne süffeln und zwei, drei Blicken die Stirn bieten. Zwei Finger breit immerhin und mal abseits der Wangen gar einen Ausschnitt tief die Strahlen einfangen, da wo die Arme in Schulterblätter übergehen.

Darum in drei Nächten aus Nebel, Krümelkaffeee und gleißendem Staub eine Barke gezimmert, die lustvoll Wetterwimmern und Laune trotzt. Vorsichtshalber Germknödel auf Salbeisudbasis gebunkert und die Kompassnadel frisiert, Seitenscheitel gen Sonnenuntergang. Das Branden der aufschäumenden Wellen genutzt, um das Ächzen der allzu heimatverbunden gewordenen Seele zu übertünchen. Fernweh geladen und eimerweise laisser faire.

Im Morgengrauen der vierten Nacht den Mond angebissen, weißberockte Gischflocken zwischen den Schneidezähnen, die ungewollt noch am nächsten Morgen als Schäfchenwolken am blaugebohnerten Himmel von der knabenhaften Keuschheit des Mondes zeugten. Erst als die Milchstraße erlosch und stattdessen die Sonne mit reichlich Brötchenduft den Horizont eroberte, verzogen sich die ewig kühl schimmernden Mondeslippen zu einem sichelhaften Lächeln. Einer unausgesprochenen Einladung in sein Hinterzimmer Vorzug leistend.

Der Morgen danach war Kissenschlacht und Kaffee ans Bett und erst als die Dämmerung die aufgewühlten Leiber mit einem Hauch Vanille bedachte und der Mond unter die Dusche sprang hatte mein Schiff ausreichend Wellen unter dem Kiel. Die Sonne lächelte gewohnt verführerisch hinter abendrotem Plexiglas, blähte die Wehmuttrunkenen Segel und wärmte die Planken unter ihren bloßen Füßen. Blutrot lackiert die Nägel, wünschte sie sich strändeweise Sand zwischen die Zehen, hoch bis zu den Schenkeln.

Gelage

irgendeinisch

“Es rägnet unter d’ Achsele”, Endo, der du einem Saal mit einem hingerotzten “Nein” armweise Gänsehaut bescherst. Und ich lese mich in deine Sprache, deinen massigen Leib, deinen Nacken. Trotzdem. Und genau deswegen. Tod und Teufel, ich spreche in Nägeln, mir Wutklumpen zwischen die Silben lispelnd. Man nehme mir das Telefon, den Hörer, den Kunden, man gebe mir eine Stimmlage jenseits von Rum, einen Bass und eine Bühne. Ich will Arme wie Seefahrer, will raubeinige Zukunft auf rußigen Fingernägeln errichten, Nagellackflaschen ad acta legend.

Draußen Schneeregen und ich träume von diesem Fluss, der grün wie das Gras an seiner Seite heißt. Der rumpumpelnd Logos schnitzt und Briefmarken, der mir Koyoten an die Seite schwemmt, morgens um viertel nach vier den Wecker an seine Aufgabe erinnernd. Der Fluss ist auf mein Lächeln aus, scheint es, und auf den letzten Krümel Sand im inneren linken Augwinkel. Ich aber blinzele nicht, ich stelle mich träumend und lüge nichtmal, so dicht ist mir die Prärie auf den Fersen, treibt mir mit rostroten Windböen Tränen durch die allzu müden Wimpern. Hinterlässt raue Furchen von der Braue bis zum Nabel. Ein Tag zu viel, eine Nacht zu wenig, wer weiß das schon?

Du aber, Endo, du singst. Ohne Ton zuweilen, aber weiter. Kein Gedanke an Jagd, sieben Geißlein hin oder her, du bietest Wortwaren feil wie Schmalztiegel tief, röhrende Sprachfetzen, die jeden noch so angriffslustigen Koyoten winseln machen. Lächeln machen. Niederknien. Federleicht dein Bariton hinter meinem Ohr noch als ich mich zur Seite drehe, unters Kissen mir folgend, das Q in Wellness-Urlaub auf die Malediven schickend und das C zumindest nochmal kurz Zigaretten holen. Eine Mütze Schlaf geht noch.