Geliebte

Herbstknospen

Blaublühende Wurzel bist Du. Setzling. In Erde gebannter Keim, feuchtwarm gehalten.
Torfummantelter Bodenblütler aus Überzeugung. Frühkartoffel, in der Schale zu verzehren.
Lichtscheues Nischengewächs, halbschattengewährend. Den Fruchtknoten trägst Du nach innen, erst die Frucht, gen Januar reifend, wölbt Dich. Pünktlich zu Weihnachten wechselt Deine Silhouette alljährlich von konkav zu konvex. Scheinschwanger sagen sie.
Du wirfst die Tränen an Drei König und bereitest Dich von da an auf den Sommerschlaf vor. Zwei Erdschichten tiefer, da wo die Erde zu Reich und die Luft zu Methan wird. Kühle um Dich scharend, wühlst Du Dich ins Kindbettfieber, treibst Luftwurzeln aus und entastest Dein spärliches Laub. Nur blattlos wird aus Kobalt Preußisch Blau. Du destillierst es in den Binnenhäuten Deiner Knollen. In der Morgendämmerung blasser Februartage. Mitunter wird es Mai ehe Du das Faulen Deiner frühreifen Blattknospen bemerkst, bevor Du weißt, dass Du Deine Blüte wiedereinmal erfolgreich verschlafen hast.

Und es kam der Tag, da das Risiko, in der Knospe zu verharren, schmerzlicher wurde als das Risiko zu blühen. (Anaïs Nin)

Geliebte

Honeymoon

In Zeiten von cremigen Kürbissuppen und heißen Maroni denkst Du an Wadenwickel und Hungerkrankheiten. Dir sei wirklich nicht mehr zu helfen sagen sie – Du lächelst milde.
Du beginnst Deine Ausführungen stets mit dem wirkungsvollen Bild ausfallender Zähne bei von Skorbut befallenen Seeleuten. Sofort erscheint mir die Santa Maria, schiffszwiebacken und salzverkrustet mit über die Reling siechenden Matrosen, abgemagert, und sonnenverbrannt, gelb im Gesicht und blutroten Zahnfleisches aus dem schwarzgefleckte Zähne tröpfeln. Dein Blick wird fiebrig und Du sprichst leise aber eindringlich beugst Dich zu mir vor.
Marasmus, flüsterst Du, heiser vor Ekel und Angst, und treibst mich damit tiefer in die Darstellung der zähen Kerle, die zu lange kein Land gesehen und länger noch keine Wurstsemmel. Ich konzentriere mich auf meinen Teelöffel, der in dem Honigglas zwischen uns auf dem Tisch steht und ziehe goldgelbe Fäden male schnell vergangene Muster in den schmierigen Brei. Noch geistesabwesend versuche ich ein Klirren des metallenen Löffels am dünnwandigen Glas zu vermeiden
Und während ich mir noch gedankenverloren viel zu viel Honig in den Tee träufel’, ziehst Du die Schlinge enger und machst mir vermittels Hungerödemen und Mangelerscheinungen aller Art die Hungersnöte der Jahrhunderte erfahrbar. Hungerdystrophie sei die Beeinträchtigung der Organe und schon schieben sich Magersüchtige neben Verhungernde, Essen wird so existenziell, so heilig, dass ich mich frage wie dekadent mein Umgang mit Wohlschmeckendem denn noch sein kann. Dein Vortrag gipfelt in der Beschreibung der Hungeracitose und ich meine plötzlich die Lösungsmittel aus allen meinen Poren strömen zu riechen.
Gegensteuern kann ich da nur mit liebevollen Fütterungsversuchen. Ich weiß wohl, sie werden Dir den Hunger nicht nehmen können. Sie werden Dich nicht sättigen, aber sie werden deinen Magen beruhigen, die Krämpfe lindern und dein Hirn dieser Zwangsgedanken befreien. Sie werden Erleichterung schaffen. Und so hebe ich den Löffel, noch teewarm in Honig getunkt, nippe selbst daran, meine Augen fest in Deinen verankert, bevor ich ihn an deine Lippen führe, Nahrung und Wärme gewährend.