Gelüste

Magnolia Nord-Nord-Ost

Magnolia | © Anne Seubert

Wenn man sich von Berlin aus Nord-Nord-Ost hält, das Polnische immer im rechten Ohr, dann findet einen früher oder später das Delta der Ucker, einem Fluss, der die Uckermark prägt, und sowohl den Oberucker- als auch den Unteruckersee flutete. An einem Punkt aber gönnt sich die Ucker einen Umlaut, wer wollte ihr das verdenken, und wird zu Ücker.

Map spicken? | © Anne Seubert

Ein Ü kommt selten allein? Eine gewagte Behauptung, aber hier stimmt das sogar, in Ückermünde endet die Ucker – und das Pommerland, das Haff breitet sich aus, drängt allseits ins Landesinnere, bringt eine Fauna aufs Trapez, die prall noch in der Dürre. Hier kam ich nicht zur Welt, aber zur Ruhe und las an einem Wochenende mal eben drei Romane. Das hatte auch damit zu tun, dass mir das Lesen in den letzten Wochen fremd geworden war, und noch mehr damit dass mein Vermieter der örtliche Buchhändler selbst, der meine Wohnung mit Romanen, vielleicht nicht tapeziert, aber doch grosszügig ausgestattet hat.

Gerade mal die Küche war bis auf das Traditionswerk pommerscher Küche seitenlos geblieben, überall sonst tummelten sich Schwarten und Neuerscheinungen, verführerische Bildungslücken und altvertraute Meister. Dazwischen hatte er fast verschämt, so schien es, Magazine geschmuggelt und Reiseführer zur Erkundung der Region. Mein Leseherz dankt, mein Reisehirn weiss jetzt schon, wir kommen wieder, lieber Holger Brandstädt!

Am Meer | © Anne Seubert

Und dann tun wir nichts und blicken aufs Meer, eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden, mögen die Wolken zwischendurch auch den Horizont erreichen und wieder verlassen, wir bleiben sitzen und blicken aufs Meer, das da kommt und geht und uns sitzen lässt und wir finden das auch noch gut. Wir werden nicht lesen, nicht eine Zeile, wir werden nicht schreiben, nicht eine Zeile, zumindest den einen Tag, darum kommen wir vorsichtshalber wieder gleich zwei, so dass wir am zweiten Tag weiterschreiben können, all das was da vom Meer angeschwemmt worden war, in Worte kleiden und auf Zeilen setzen. Und am dritten Tag? Sollen wir da schon wieder fahren? Nur wenn wir die Nächte heimlich lesen durften, wir haben gesehen, die Taschenlampe dafür liegt schon neben dem Bett, das übrigens so ruhig ist, das man gerne auch mal ein Stündchen länger …

Brückenblick | © Anne Seubert

Aber wen stört das schon, höchstens dass die Zugbrücke dann hochgezogen ist, das kann schonmal passieren, dann steht man da und kommt nicht ans andere Ufer und nicht auf den Deich, der einen Spaziergang im Grünen möglich macht, unter Trauerweiden und immer wieder entlang des Flusses, der sich Ucker nennt und so gemächlich dahinfließt als wäre es ihm egal, ob Ucker oder Ücker und überhaupt Namen! Schall und Rauch, solange wir uns an die Geschichten erinneren, die hier in jedem Balken stecken, liebevoll hervorgepult und gernst zwischen zwei Fischbrötchen zum Leben erweckt. Dass der Zug bis in den Hafen fährt, hatte ich schon erwähnt oder? Eben!

 

Gelüste

Abandoned? Es war einmal

Hidden Champions Lausitz | © Anne Seubert

Der Helden müde bettest du dein Haupt in den sonnigen Schoß einer Wolke, die das Regnen verlernt, abandoned nennt man das heute, wenn der Zweck abhanden gekommen und die Nutzung zur Disposition. Du aber suchst nicht Mittel, nicht Zweck, du schmiegst deinen Leib, dem das Haupt untergeordnet, in die Weichheit des Graus, das wir alle am Himmel ausmachen, aber nur schwer erkennen, wenn es uns in die Hände fällt. Dieses Grau, das alle Fruchtbarkeit in sich trägt, in Wasser gebunden, so zart, dass es noch nicht einmal feucht, mehr Farbe als Form, wo selbst der Horizont die Linie aufgibt und Welle wird und der Himmel die Fassung verliert.

Der Märchen müde, schläfst du nach dem Es war einmal bereits tiefer als Dornröschen und Tausendschön und stellst dich noch tot als das glückliche Ende der Prinzessin und ihres Gemahls längst vorhergesagt wird, denn du ahnst, wer länger schläft, wird später klug, aber dann mit Nachdruck und auf eigene Faust. Wer länger schläft, bekommt den Kaffee ans Bett und die Pille für danach, den Sonnenaufgang vielleicht nicht mit, dafür den Untergang auf Eis samt Vorfreude und Urlaubsmodus und was hätte mehr Grandezza. Grandezza, die du zum Frühstück… , aber wem sage ich das, out of bed stand niemandem besser als dir, und drinnen ist gerade mit dir schöner als früh.

Der Enden überdrüssig, fädelst du den Anfang auf einen Strand, den man nur nackt betreten darf, en dem die heilige Dreieinigkeit Salzwasser, Haut, Sandkörner eine Katharsis gewährt, die keine Störung duldet und keinen Gott, auch wenn er noch so viel Pomade im linksgescheitelten Haupthaar trägt. Den Anfänger, den du im Roggen Auslauf gewährst, wohlwissend, es wird der Weizen werden, der ihn aufzieht, es wird die Gerste sein, die ihn wachkitzelt, es wird der Hafer sein, der ihn kreuz- und quersticht, bis er aufsteht und sich dehnt, über den Plotpoint hinaus, durch die Kapitel durch bis ins Ende hinein, wo du eine Heldin aus der Hosentasche ziehst, für die das Ende nichts als ein Anfang, somewhere zwischen Himmel und Erde, mit Zauber und Zirkus aber ohne Direktor. MAZ ab!