Gelüste

Der Fisch am Ende der Strasse

Nonnenmattweiher, Schwarzwald | © Anne Seubert

Straßen können einen nur an bekannte Plätze bringen, Worte weit darüber hinaus, sagst du, und schließt die Augen, Blicke aber können töten und deine Augen, die erwecken die Toten wieder zum Leben. Diese Augen, die eben noch zärtlichste Zeugen meines linken Schulterblattes, wie es sich unter der Sonne rötete. Rötete und damit alle Haut in Wallung brachte, in Hab-Acht-Stellung, unter Strom.

Strom, der fließt, wenn alle Wolken trächtig dümpeln, wenn alle Himmel heilig, wenn alles Worte ad acta, dann fließt, was da barfuß dich zum Schauern bringt, egal was der Regenradar kündet. Kündet und kaut, wieder und wieder berechnet, was da Wolke, was Sturm und was ein Landunter, das dich Schutz suchen lässt. Schutz, der einzig dir geboten, da wo du nackt dich stellst, die Augen geschlossen.

Schluss ist immer am Ende der Strasse, da wo das Haus am See steht und der Fluchtpunkt Schmiere für eine Perspektive über alle Wendekreise hinaus auf den See, den du siehst, auch mit geschlossenen Augen. Dann erst recht, wirfst du ein, zu Recht und das Ruder bereits über der Schulter, das Boot am Haken und den Fisch in der Pfanne. Heute ist Freitag!

Gelüste

Chronik eines beabsichtigten Wangenkusses

Dótir | © Anne Seubert

Den Schatten deiner dritten Wimper von links habe ich mir ausgesucht,
es ist eine der Jüngeren, durchgehend schwarz,
ihr Schatten ähnelt der Form eines Kommas:
leichte Hebung im Abgang, you know!

Da wo das Komma die Biege macht will ich meine Zungenspitze
aufsetzen, Grundspannung plus leichter Topspin ist geplant,
so dass du möglichst minutiös erschauerst, so sehr,
dass dein Mundwinkel Feuer fängt, aber nicht so sehr, dass
mir deine Wimper ob deines Erzitterns zu nahe kommt.

Als die Sonne das Zeichen setzt, indem sie – glissando – das Kopfkissen flutet,
sind meine Lippen längt geöffnet, unauffällig versteht sich, und auf Position gebracht:
in der Bucht deiner Wange lauernd als ob zufällig dort gelandet und hängengeblieben,
Atemzug für Atemzug die Entfernung zwischen eigener Unterkante Oberlippe und deinen Wimpernwipfel vermessend, ohne sich zu sehr auf den duftenden Pfad deiner Brauen locken zu lassen.

Der Moment wirft sich in den Schatten als dein Auge sich das vierte Mal heute öffnet,
noch unbeabsichtigt, aber schon neugierig, noch schlafwandelnd, aber schon ahnend,
da nimmt meine Zunge die Öffnung zwischen den Lippen als Rahmen für einen Touchdown,
der in die Geschichte eingehen wird, als Adelung einer Spargelspitzen herausfordernden
bislang ungekürten Zartheit, auf keiner Karte geschweige denn Unterlid verzeichnet,
als ungeborener Stern einer Schnuppe, die alle Wünsche birgt.