Gelüste

Chronik eines beabsichtigten Wangenkusses

Dótir | © Anne Seubert

Den Schatten deiner dritten Wimper von links habe ich mir ausgesucht,
es ist eine der Jüngeren, durchgehend schwarz,
ihr Schatten ähnelt der Form eines Kommas:
leichte Hebung im Abgang, you know!

Da wo das Komma die Biege macht will ich meine Zungenspitze
aufsetzen, Grundspannung plus leichter Topspin ist geplant,
so dass du möglichst minutiös erschauerst, so sehr,
dass dein Mundwinkel Feuer fängt, aber nicht so sehr, dass
mir deine Wimper ob deines Erzitterns zu nahe kommt.

Als die Sonne das Zeichen setzt, indem sie – glissando – das Kopfkissen flutet,
sind meine Lippen längt geöffnet, unauffällig versteht sich, und auf Position gebracht:
in der Bucht deiner Wange lauernd als ob zufällig dort gelandet und hängengeblieben,
Atemzug für Atemzug die Entfernung zwischen eigener Unterkante Oberlippe und deinen Wimpernwipfel vermessend, ohne sich zu sehr auf den duftenden Pfad deiner Brauen locken zu lassen.

Der Moment wirft sich in den Schatten als dein Auge sich das vierte Mal heute öffnet,
noch unbeabsichtigt, aber schon neugierig, noch schlafwandelnd, aber schon ahnend,
da nimmt meine Zunge die Öffnung zwischen den Lippen als Rahmen für einen Touchdown,
der in die Geschichte eingehen wird, als Adelung einer Spargelspitzen herausfordernden
bislang ungekürten Zartheit, auf keiner Karte geschweige denn Unterlid verzeichnet,
als ungeborener Stern einer Schnuppe, die alle Wünsche birgt.

Gelüste

Schattenspielgefährten unter sich

Mauern, Fläming | © Anne Seubert

Und wäre ich eine Mauer, du versenktest mich stande pedes im Meer,
wärfest mir den trunkensten Sonnenuntergang an die Wand, allen
Schatten zu Füßen, Stein um Stein in Tiramisu umwandelnd, bis der Löffel
den Weg zwischen den Sonnenstrahlen an deine Lippen alleine findet.

Du hast Kerzen mitgebracht und deine Locken, die ich mir eine nach der anderen
um den Finger wickele, nur um dann dann mit beiden Händen einzutauchen:
Da wo dein Nacken sich sträubt, werde ich nackt,
da wo dein Duft auftaucht, tauche ich ab, Nasenspitze voran.

Als ich wiederauftauche, hat deine Hüfte ihre Schüchternheit überwunden,
ankert wo brachliegt, was ich zugeknöpft hatte: Das Feld zwischen Nabel und Weltenrand,
nur eine Fingerspitze von der Realität entfernt, bereit zu atmen wenn Luft wieder an Bord
und du aus Wimpern Segel schmiedend, den Blick Zentimeter um Zentimeter lüftend:
Lasset uns überborden, den Traum adeln, die Schatten Lambada lehren und den Soundtrack in Auftrag geben!