Gelüste

Stadteinwärts

Dein Blick flirrt über die Kreuzung als ob du die Stadt fluchen hören könntest und Schatten suchtest, wo nichtmal Sonne, geschweige denn Mensch. Die nächste Bahn wird verspätet eintreffen, sagt eine Stimme, die ich nicht an mein Ohr lassen möchte. Man dankt uns für unsere Geduld, die ich nie hatte, im Gegensatz zu allzeit zu weichen Knien, die gerade mal wieder Butterschmalz und Spucke.

Wo nimmst du nur diese Gradlinigkeit her, die uns immer und immer wieder auf Gleis 3 enden lässt, pünktlich zum Feierabend, den letzten Absatz der To-Do-Liste noch in der Hand und das Wochenende auf den Lippen. Die Idee, das nächste Kapitel in Braille mir auf die Hüfte zu tätowieren fand ich schon gut, noch ehe du mir davon erzählt hattest. Als du mir Finger für Finger die Punkte des ersten Satzes probehalber in die linke Leiste drapiertest, und dann kurz ins Stocken kamst, als es um die Anführungsstriche bei der direkten Rede ging, hätte ich gerne die Rollen getauscht.

Die Stadt lauschte erst heimlich später offenkundig beim Abschied und zitterte mit uns um jeden Sonnenstrahl, der das Tragen von slightly zu kurzen Oberteilen ermöglichte. ich bitte um einen Exkurs und hauche dir auf dem Weg in deinen Nacken eine Fußnote hinters Ohr. Etwas Hintergrund tut jeder Story gut und lineare wäre nicht dein Stil, feuerst du mich an, dir noch eine Anekdote in die dritte Erzählebene zu packen, den roten Faden nährend, der sich wie eine Straßenbahn ihre Linie deine Wirbelsäule hinabtastest. Wehe du schauerst, sagt mein Blick, der die Stadt für einen Moment aus den Augen verliert.

Gelüste

Noch eine Runde Schweben


Dein Schweigen hat ein Auge auf mich geworfen, füßelt heimlich mit meinem Lächeln, prüft seine Wirkung, während ich mit dem Leben flirte. Ich rede, träume, gestikuliere, zu laut und zu leise, zu raumgreifend und zu flatterhaft vor allem, um deinem Schweigen Einhalt gebieten zu können oder einen Schoß.

Mein Leben genießt die Aufmerksamkeit, hat Fahrt aufgenommen, will noch eine Runde und noch eine, schneller, höher, tiefer. Will die Nacht und den Tag, den Morgen und die Erschöpfung, den Anfang und ja kein Ende. Will den Moment und zwar jeden, ausbuchstabiert und in koketten Lettern auf den Leib geschrieben, will den Wankelmut und die Dekadenz, die Frechheit und den Schnaps auf’s Haus. Will nach Hause gebracht werden und über Nacht bleiben, will die Ruhe vor dem Sturm und den Sturm selbst, den Nachtisch zuerst, aber die Vorspeise bitte auch. Will den Blick und die Berührung, die Rente und alle Boni bar auf die Hand.

Dein Schweigen hat angefangen, Briefe zu schreiben, vorzugsweise nachts in altehrwürdiger Tinte auf Büttenpapier, fast meine ich das Kratzen der Feder zu hören, wenn ich den Buchstaben über das Papier in die Worte folge, die du für uns gemalt hast. Es lässt die Seiten aus, verführt mich in knietiefe doch stumme Fußnoten, lässt Stille wie ein Kapitelband neue Anfänge finden und knüpft ein Ende, das seinen Leser längst gefunden hat. Es kann schwimmen, weisst du das, und die Welt aus den Angeln heben?