Gelüste

Dreckiges Tanzen

Ja, es gewittert häufig in diesen Tagen. Viel. Und nass. Und laut. Und nicht erst seit diesem Sommer macht mich ein anstehendes Gewitter entsetzlich müde, einsetzendes Gewitter rollig, und nach dem Gewitter, wenn die Luft im besten Falle klar und kühl, kommt der große Hunger. Gestern aber gelüstete es mich bereits vor dem Gewitter nach Champagner, in hohe dünne Gläsern gefüllt und mit Oliven anbei, dann kam der Appetit, und mit Einsetzen des Regens wollte ich nichts als tanzen.

Da war es gut, dass das Lokal, in dem wir speisten nicht nur Champagner feilbot sondern auch Ausblick auf die Stadt und das Gewitter und den Regen, der auf sie niederging aus Wolken, so stürmisch als wären sie gemalt. Meine Müdigkeit verflog noch während der Vorspeise (Melonencarpaccio!), die Blitze kreischten uns zeitgleich mit dem Hauptgang (Risotto mit Jacobsmuscheln) um die Ohren, elektrisierten die Dächer der Umgebung und ließen mich ein ums andere mal hinter meinem dickwandigen Teller zusammenzucken. Das Risotto tröstet nur halbwegs. Aber während wir uns dem abschließenden Espresso widmeten ging das Gewitter in einen gütigen Sommerregen über, mit prallen, lasziven Tropfen, die auf dem Pflaster lustvoll zerplatzten.

Nichts hielt mich, nicht die Praline auf der Untertasse, nicht die Rechnung, nichtmal du neben mir. Es zog mich raus auf diese Straße, in der die Straßenbahn gen Mitte schwamm, über die Bordsteinkante, die gerade sprudelnd zu versinken drohte, mit rudernden Armen, das Gesicht gen Regen und mit jedem Tropfen, der meine Haut berührte, ging der trommelnde Rhythmus in meine Beine über, Schlamm hin oder her. Aus den Augenwinkeln sah ich dich noch den Kopf schüttelnd in der offenen Tür stehen, die Lippen gespitzt.

Gelüste

Feiertags

Eben noch: das Leben verwünscht, aus aller Kraft und mit schiefem Lächeln dem rumbuckligen Lebensgeist ein Bein nach dem anderen gestellt. Dann aber: Die Knie zurück unter die Bettdecke gezogen, ausatmen und Tee trinken. Den guten mit den koriandergrünen Minzblättern aus deinem Garten. Dem Wunder krumigen Boden bereiten, die Erde auflockern, handvollweise Luft unterheben, da und dort gar Mohnblumensamen vergraben. Dir und mir Lust unter die Nase reiben, behutsam die Hand auf eine rechte Wade und die Wade an eine Fußsohle legend. Lächeln.
F5 drücken.

Wortörtliche Kleinode wie Brausebonbons mir auf der Zunge zergehen lassen, dem Kribbeln hinterlächeln wie es mir zwischen den Brüsten gen Schambein rinnt. Der wispernden Gänsehaut auf deinen Schenkelinnenseiten nachspüren. Endlich wieder Puls haben. Durstig einatmen. Hörbar ausatmen. Innehalten.

Später dann die Nachmittagssonne mir um die Schultern legen, fröstelnd. Den Boden wässern, nähren und wenigsten die oberste Schicht mit den rotlackierten Fußnägeln durchpflügen. Ob des flirrenden Fliederdufts inmitten der satten Sommerluft Appetit bekommen, jenseits des flaumigen Bauchnabels. Den Abend willkommen heißen, der schüchtern um die Ecke biegt. Dich lautlos aber nachdrücklich auf einen Apero einladen. Und auf Wassermelonensalat mit Schafskäse und gerösteten Pinienkernen im Bett.