Gerda

Zimmer 17,5

Ilse H. sitzt auf ihrem Bett als ich ihr Zimmer morgens um 7 Uhr zu unserem mache. Sie lächelt noch nicht, verfolgt aber alle meine Bewegungen, wir scherzen inhaltlos, dann muss ich auch schon entkleiden, der OP wartet nicht gern.
Der Klinik-Automatismus übernimmt, ich werde abgeführt und komme als Zombie wieder. Ilse hat das alles im Blick und fragt mit beim Aufwachen gleich Löcher in den mittlerweile leeren Bauch.

Ich dämmere nochmal weg und werde von einem Lied geweckt: Ilse hat “´s ist alles dunkel, ´s ist alles trübe” angestimmt, ihr Lieblingslied, wie sich bald herausstellt, sie kann alle Strophen auswendig, nur die Stimme bricht manchmal weg, altersbedingt, sagt sie und ärgert sich. “Was nützt mir ein schöner Garten, wenn andre drin spazieren geh’n, …” summt sie, “Stimmt doch auch!” immer wieder bestätigend dazwischen zu werfen. Ich stimme zu und dann soll ich ein Lied aussuchen und muss passen. Stattdessen dämmere ich wieder weg und Ilse stimmt für mich ein Gute-Nacht-Lied an: Guten Abend, gute Nacht…

Sie hat ihre eigene Version davon, wie auch vom Erlkönig, den sie mir in ihrer Version anvertraut:
“Wer rattert so spät durch Nacht und Wind,
es ist der Vater mit seinem Kind.
Tochter Elfriede mit Vater Fritz
auf einer BMW 1000 mit Sozius-Sitz….

“Oh Kind, warum verbiegst du so bang dein Gesicht?”
“Siehst Vater du den Bahnübergang nicht?
Den neblichen unbewachten in weiter Ferne?”
“Sei still, mein Kind, ich hab ‘ne Boschlaterne.”

Am Nachmittag bekommt Ilse Besuch von ihrem Neffen und in der Beobachtung der beiden wird klardeutlich, dass sie nicht nur sympathische Seiten hat und die Demenz ziemlich weit fortgeschritten ist. Der Neffe hält sich tapfer, geht aber bald wieder und wir sind wieder allein. Wie alt ich sie schätze, will Ilse wissen und ich gebe ihr spontan 80, was sie freut, denn sie ist am 7. Juli 2016 94 geworden und lebt als einziges ihrer 10 (!) Geschwistern noch. Mir gibt sie ebenso spontan wie kichernd 50 Jahre und ich widerstehe nur schwer dem Drang, zum Spiegel zu rennen.

Je länger die Tage, umso klarer wird, dass sich bei mir das Herz nicht so zurecht macht, wie es sollte und Ilse immer tiefer in ihre Vergangenheit abdriftet. Wir sprechen von ihren Brüdern, den zwei Lieblingsbrüdern, die sich vom Lehrer nicht haben verprügeln lassen. Von denen, die an Diphtherie und denen, die in russischer Gefangenschaft an Hunger gestorben sind, jeweils 2. Sie ärgert sich noch heute, wie sehr Hitler ihr Leben zerstört hat. Ihre Eltern beschreibt sie als sehr liebevoll, sie als Nesthäkchen war das Wunschkind des Vaters, der sich nach der ersten Tochter noch eine gewünscht hatte und dann nur mehr Buben aufgetischt bekam, bis schließlich Ilse sich ankündigte und er sich mit dem Namen Ilse gegen alle anderen Familienmitglieder durchgesetzt hatte.

“Gar nicht so einfach, ein Stachelschwein zu kitzeln!” lacht Ilse H sich ins Fäustchen und wir sind endlich beim Du. Dass ich nicht nur keine Lieder singen kann, sondern auch keine Witze erzählen, nimmt sie noch als Möglichkeit zum Necken zur Kenntnis. Doch dann hört sie plötzlich das Horst Wessel-Lied. Da kennt sie kein Pardon. Wer sich erdreiste, das hier zu singen! Ob die nicht wüssten, dass sie dafür angezeigt werden könnten? Und etwas zaghafter: Ob Günter oder etwa Gerhard, der liebste von all ihren Brüder, dabei seien?
Es lässt sie nicht mehr los, sie brummelt und will eingreifen, wird umso aggressiver, je weniger passiert und beginnt, sich anzuziehen. Ein langwieriger Prozess, ihr Körper ist so brüchig wie ihre Stimme, von Blutergüssen übersät, der rechte Arm im Gips. Es wird wohl ein Sturz gewesen sein, der sie herbrachte. Das Lied hört nur sie, aber es ist ihr unerträglich, sie wird wütend, auch auf mich und als die Schwester kommt, ist ihre Verzweiflung greifbar.

Plötzlich weiss sie nicht mehr wo sie ist, will nach Hause und ist ja auch nur zu Besuch,  wer wollte da widersprechen? Sie will mir an den Kragen und der Schwester entgegen. Sie hat plötzlich Angst und ich auch.

Gerda

Tanze, Gerda, tanze

Tu alles was du machst so, dass es dir gefällt!

Heute nehme ich dich an die Hand, Gerda, und zeig dir Berlin! Du, Junikind weisst, es gibt gerade Erdbeeren, auch hier an an jeder Strassenecke. Nicht so sonnenwarm, wie aus deinem Garten damals, als die Kracher am Baum noch nicht reif, der Pool in der Mitte noch nicht ganz warm, aber du zuweilen im Badeanzug. Seltene Augenblicke. Sommernachtsblinzeln. Adieu.

Meist standest du in der Küche. Hast für die Küche geerntet, eingekauft, gehamstert über Grenzen hinweg. Von dir habe ich den Wert eines ordentlichen Vorratskellers gelernt, mit Schokolade satt, Schnaps, Gemüsebrühe und händisch eingelegten Gurken. Dass Geschichten es wert sein können, mehrmals erzählt zu werden. Und Mahlzeiten mehrere Stunden Vorbereitung und Silberbesteck. Du hast mir gezeigt, wem welcher Serviettenring gehört, wann welche Tischdecke gefragt und wann welcher Kloß! Auch, dass nicht jedes Bein Rocksäume kleidet. Letzteres hat mir lange zu denken gegeben.

Du wusstest mich für Astern zu begeistern, Zirkusartisten und Tie Break, ja, für Nachmittage in kurzen Röcken dank brüllender Hitze auf Sand. Rotem Sand: Tennis hat dich 90 Jahre lang genussvoll außer Atem gebracht. Das schaffte sonst und auch nur annäherungsweise Doppelkopf. Ein Abend jeder Woche gehörte den Mädels, da musste sogar das Telefon ruhen, das dir sonst – vorzugsweise mitternächtlicher – Draht zur Welt. Welche Oma konnte man ruhigen Gewissen nachts um halb zwei anrufen, um gemütlich eine Stunde zu plauschen?

Du hast zwei Männer überlebt, Vögelchen, das du zuletzt warst. Zuletzt kamen nur mehr deine Lieblingsspeisen über deine Lippen – die Wurst jetzt konsequent ohne Brot und nur vom Lieblingsmetzger, die Schnapspralinen aus der Schweiz, Gurkensalat mit extra Dill, der Likör aus der orange-bauchigen Flasche und überhaupt wer braucht schon Vor- und Hauptspeise, wenn er Dessert haben kann? Sauce war dir immer wichtig, die vom Braten, der Ente, der Zunge, die zum Lachs oder zum Kirschenmichel und so durfte zum Zitronensorbet der Wodka nicht fehlen!

Dein Lieblingsrestaurant mit dem Südschwarzwald zu Füßen war vor dir von dannen gezogen, sie hätten dir heuer ein Sommermenü gezaubert, zart und kräftig, mit Wildschwein und Pfifferlingen, Spargel und Himbeeren, Rosenblättern und Estragon. Und Quittengelee, obwohl du das wahrscheinlich selbst mitgebracht hättest und mit einem verschmitzten Lächeln dem Wirt persönlich übergeben.
Tanze, Gerda, tanze, jetzt erst recht!