Gestern

Kettenrauchende Promille

Als der letzte Akkord verklungen war, fiel sie für Momente zurück vor deine Tür, Señor Raul. Die oberarmdicke, holzwurmstichige Tür, zu niedrig für jeden, der aus dem Norden kam, oft nur halbseitig geöffnet, dahinter der Raum. 6×6 Meter, von derben Tischen reichlich bevölkert, hinkenden Stühlen auch, unter niedriger Decke, gesäumt von gekachelten Wänden. Patina,seit Jahrzehnten hier überwinternd, die Luft zu ebenso nährreichem wie ungesundem Odem werden lassend.

Du begegnetest ihrem Blick bereits, bevor sie den Raum betrat, die Arme voller Bier unter dieser Decke voller Krüge und nur einem Bleistift direkt über der Theke baumelnd, mit deinem Lächeln. Begegnetest ihr mit den Augen Omar Sharifs hinter verrauchten Brillengläsern, die die Intensität nur unzureichend milderten, inmitten dieser sangriatrunkenen Enge, inmitten der die fünfsaitige Gitarren spielerisch überdröhnenden Stimme Pedros.

Üppig ist, was hier gefällt, deine seelenvolle, kettenrauchende hochschwangere Tochter, Señor Raul, jede Ratio in den Schatten stellend. Du, der du die weiße Sangria auch in Flaschen to go abfülltest, die Tische, die nie ausreichten. Diese nachtaffine Sehnsucht auch, die sich hier in flambiertem Chouriço und gemeinsam angestimmten und allein verlassenen Liedern äußerte. Die anschmiegsamen Promille, die jeden für eine Nacht in ihre Arme schlossen und dein Blick, Señor Raul, der ausnahmslos jeden zum Freund erhebt und sein Antlitz für die folgende Generation Gäste auf die lädierten Kacheln heftet.

Gestern

2013 – Ein Jahr voller Sonntage

Nackte Erde sagst du und ich: Tango.
Aber eigentlich wollte ich wie Mek nach 2013 rüberblinzeln. Um die Ecke, unter dem Rutsch durch und über das gebrochene Sprunggelenk hinweg. Denn das hatte es in sich:

Januar:
In Dänemark am Strand tote Robbenbabies und einsame Leuchttürmwärter entdeckt, doppelkopfigen geräucherten Fisch und kleeblättrige Freundschaft. Und die Macht von Horoskopen. Den guten natürlich.

Februar:
Krakau einen überfälligen Besuch abgestattet, mich an der Grinberg Methode versucht, nach Jahren mal wieder gefastet und meinen Geburtstag gefeiert. Eyeem entdeckt und seitdem mit dem Mobilchen mehr fotografiert als telefoniert.

März
Den Wandel endlich am Wickel gehabt. In Manchester das Northern Quarter und die Curry Mile entlanggehuscht und zu strahlen begonnen.

April
Die Angst abgenabelt und Schwung genommen! U.a. meine ersten Tangoschritte gewagt. Den Tagen (und manchen Nächten) Worte in den Mund gelegt.

Mai
Bei Mek und K auf der Hochzeit pink getragen und es nicht bereut. Ein Jobangebot bekommen, das ich nicht ausschlagen konnte. Mit dem Glück auf Schnupperkurs gegangen. Zwischen den Meeren gelaufen.

Juni
Endlich mal wieder Tennis gespielt. Viel getanzt, noch mehr gestrahlt.

Juli
Den neuen Job angetreten und mich frisch in Berlin verliebt. Endlich losgelassen.

August
Mich von Hamburg verführen gelassen und die Myself kürte mich in diesem Monat zu einem von drei Favoriten für den Genuss-Liebling Award 2013.

September
Viele Verlockungen, denen ich nachgeben durfte. Am Ende standen leider eine gebrochene linke Schulter und ein gebrochener rechter Daumen auf der Rechnung.

Oktober
Entschleunigt.

November
Das Genussmagazin des Tagesspiegels porträtiert mich mit einem Hammer in der Hand und macht meine Grossmutter glücklich. Ich habe für mich den Sonntag wiederentdeckt.

Dezember
Eigentlich war jetzt just alles gut. Aber dann musste sich eine schlüpfrige Fliese unter mein linkes Bein stehlen und mir den Fuss brechen. Dreifach.

ENDZEITFRAGEN:

Haare länger oder kürzer?
Kürzer.

Mehr Kohle oder weniger?
Mehr.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Mehr und genüsslich.

Mehr bewegt oder weniger?
Anders und nicht sehr gleichmässig.

Der hirnrissigste Plan?
Alles auf einmal zu wollen!

Die gefährlichste Unternehmung?
Vom Ergebnis her betrachtet: Gehen und Fahrrad fahren. Gefühlt: Woo!Zen

Der beste Sex?
Halleluja!

Die teuerste Anschaffung?
Ein Anwalt.

Das leckerste Essen?
Koreanisch. In verschiedenen Variationen.

Das beeindruckendste Buch?
Meret Oppenheim: Husch, husch, der schönste Vokal entleert sich.

Der ergreifendste Film?
Roman Polanski: A film memoir

Die beste Musik?
The National.

Das schönste Konzert?
Das mit dem Bruder auf der Bühne.

Die meiste Zeit verbracht mit …?
Mir, dringend vonnöten.

Die schönste Zeit verbracht mit …?
Mir und den tollen Freunden, die ich habe.

Vorherrschendes Gefühl 2013?
Halleluja, so kann sich das also anfühlen!

2013 zum ersten Mal getan?
Auf der Insel gelandet.

2013 nach langer Zeit wieder getan?
Gefastet.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?
1) diverse Mandelentzündungen zu Beginn des Jahres
2) gebrochene Schulter, Sprunggelenk und Daumen in der zweiten Jahreshälfte
3) Anwalttermine

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Scheinbar mich von meiner Unzerbrechlichkeit. Ist gescheitert.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Ein Wochenende in Krakau.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Offene Arme.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
Ich mag deinen Geruch.

Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
Herzlich willkommen!

2013 war mit einem Wort …?
Inspirierend.