Gemäuer

Rastlos

San Gimignano Lichtenberg | © Anne Seubert

Nimm dir die Zeit, haben sie gesagt, nimm dir,
und die Zeit lag da wie ein reifer, runder Käseleib, mit handgewaschener Rinde,
lächelte siegesgewiss: Wer würde das schon wagen?

Wer schnitte die Zeit an, wer wagte, das Rund zu zerbrechen?
Wer wunderte sich mit mir über die Zeiten, die liegengeblieben waren?
Wer entschiede, welche Zeit die richtige für den Moment?

Nimm dir die Zeit, haben sie gesagt, nimm dir,
und ich stand da und nahm von dem, was da lag, Minuten, drei auf einen Schlag, ich erhöhte auf fünf, snooze, plötzlich waren es  Stunden.
Ich teilte sie mit allen, die ebenso zeitlos daherkamen wie ich.

Wer aber zählte die Zeit, die uns bleibt,
wenn alle Zeiten durch und das Maß voll?
Wer drehte die Uhren zurück auf Los, wer hielte sie an für uns aus der Zeit gefallenen?

Nimm dir die Zeit, haben sie gesagt, nimm dir,
stell den Zeiger auf 0 und die Sonne in den Schatten,
leg dir Zeiten zurecht und in Falten  wie die gute alte Stirn, schau dem Moment in die Augen, am besten tief.

Ich aber frage der Zeit Löcher in den Bauch,
kugelrunde, die sie kichern machen und tief Luft holen,
auf dass die Löcher nach oben steigen, dort wo du Luft dünn und das Herz heil.

Geliebte

Versuch einer Anschmiegung

St Agnes | © Anne Seubert

Manche Orte erzählen sich selbst,
andere brauchen jemanden, der sie erzählt,
einen Fremden etwa, der sie in seinen Blick genommen, der sich hat berühren lassen, anrühren und der uns berichtet,
von diesem Ort, den er aufgesucht und wieder verlassen,
um uns zu erzählen, was ihn berührt.

Einen Ortskundigen, der die Kunde weiterträgt, Schulterblatt voraus.
Solche Menschen tragen den Schlüssel zu ihrem Ort um den nackten Hals, herznah gebunkert.
Er liegt ihnen auf der Brust, kommt zum Liegen, nur wenn du ganz stillstehst, wird sodann für Momente sichtbar:
das Metall, der Bart des Schlüssels, der senkrecht steht auf deiner Haut, der er fremd und zugleich vertraut.

Diese deine Haut, die sich zeigt, wenn du das Haar zurückschlägst,
wenn du den Mantel aufschlägst,
wenn sich der Saum deines Rocks entscheidet,
ein paar Zentimeter preiszugeben, als gäbe es Maßbänder auch in rosarot,
als wären die Geschichten lesbarer nur weil deine Haut bloß.

Auf leisen Talsohlen legt sich dein Körper in die Kurve,
die das Laken löst, von Schüchternheit keine Spur, die der Schlüssel nicht öffnen könnte.
Spürbar
wage ich Blick für Blick ein Streicheln,
versuchsweise, vague gehalten, es könnte auch ein Versehen,
aber es ist mehr, weiss deine Haut in Schauern zu berichten.

Auf ungemachten Betten liegen wir frühs trunken von einer Reise mit dem Finger auf deiner Haut,
durchscheinend wie frischgeschöpfte Molke unsere Leiber, zart,
den Versuch einer Anschmiegung im Ohr:
die Geschichte zwischen uns, den Ort zwischen den Zähnen,
und auf halb elf ein Frühstück, das noch zubereitet werden will,
sobald der Ort wach und du flügge.