Gelage

Ruhe in Aehren

Ruhe in Aehren | © Anne Seubert

Wir haben hier keine bleibende Stadt,
sondern die zukünftige suchen wir.

Hebräer 13,14  (LB)

Wer keine Wünsche übrig hat, werfe den ersten Stein. Ich liebe, antwortest du, und küsst den Wind, der mit somnambuler Ruhe über das Land streicht, und dabei alle Wünsche fliegen macht, noch mit geschlossenen Augen. Wer, wenn du lächelst, wollte dir Widerstand leisten, als wäre Leistung etwas, das zählt?

Um eine Verpaarung von Tieren mit besonders vorzüglichen Eigenschaften vornehmen zu können, müssen Orte gefunden werden, deren Gegebenheiten einen Zuflug nicht erwünschter Drohnen unterbinden, Inseln zum Beispiel.

Bis zehn flüsterst du und versteckst dich am Bug, die Arme zu einem Himmel, der sich deinen Namen irgendwie nie merken konnte, deine Stirn aber schon und Schatten aus Kellen gießt, die dein Haar obsolet werden lassen, als wäre das möglich, bevor meine Hände es auffangen, als wäre das möglich, und der Duft uns umragt wie eine Schaumgeborene aus Fell.

“Was hast du all die Jahre lang gemacht?”
“Ich bin früh schlafen gegangen.”

Es dämmert bereits als du nach der Zeit fragst, die wir zwischen den Feldern gesät haben, Saatgut für einen Herbst, der sich in den praller werdenden Ähren ankündigt und die Sonne grüßt, in der ihr eigenen Sprache: Einem Strahlen, das nur sichtbar, wenn die Haut bloß, die Gedanken auf Snooze und die Freude im Zaumzeug ruhend bis zum nächsten Knall, den der Sekundenzeiger auf’s Tablett bringt und sich selbst damit über Bord:

#überlandinsicht

 

Quelle der kursiven Zitate: Lutz Seiler, Kruso, Suhrkam Verlag Berlin 2014

Gegenwart

Levit spielt Beethoven

“Die Eulen sind nicht, was sie scheinen.”
 Twin Peaks, 2. Staffel

 

Piano.

Igor Levit spielt Beethoven.
Igor Levit joue Beethoven.
Igor Levit plays Beethoven.

Leise. Leises Stockwerk eines Gebäudes, das du Musik nennst und ich Raum. Musik, die senkrecht steht, schrieb Rilke. Raum, der sich öffnet und schließt, wenn du die Tasten berührst, sage ich, wenn du dich schmiegst, mit allem, was du bist, sein kannst, sein magst, sein musst, in diesen Ton, der deiner ist, von Beethoven gewidmet, dem, der sich kniet, knietief geht und tiefer, der keine Angst hat und alle Angst, der will und Wille ist zugleich. Du legst dich auf den Wellenkamm der Gischt, die dunkler ist als alles Dunkel und wild.

Piano.
Pi mal Ano?

Wie oft spielst du im Jahr, Igorissimo, fragt dich der Hörer, der ein Gast ist in diesem Rund, das die Jahreszeiten in eine Sekunde legt, das Vergehen in das Werden stapelt, das Erlebte in das Ersehnte, das Leichte ins Schwere, das Ruhende in das Bewegte, das Nichts ins Ganze, das Intime ins Fremde.  Wer wenn nicht wir sind diese Musik, diese kreisende, unberechenbare Formel der Zeitlosigkeit in dem Moment, da sie geschieht, so flüchtig, das sie mit dem Ausatmen schon wieder den Raum verlassen hat, den sie eben noch schuf.

Piano, no?

Das Nein in deinem Ja ist ein wertiges. Ein stolzes. Stumme Witwe einer Liebe, die nur durch Berührung zum Sprechen, das hier Singen, gebracht werden kann. Möchte. Erlaubt. Du ruhst zwischen ihren Fingern in schwarz weiss, lehrst sie Farben, die hier Töne. tränen. Und endlich weint  sie, weint in der Umarmung eines Stücks, das B aus Noten zu einem Strauß band, der Halt, Würde und Blüh-Empfehlung zu gleich. Spielst und birgst doch den Ernst der Lage, Obdach deine Musik, die du mitgebrachst hast als Geschenk an den Moment, der dürstete nach einem Ton, der ihn trägt.