Gelage

Gestatten, Durchschnitt!

Die Zeit hintan stellen, noch hinter den, der sich Alltag nennt und Routine im Schilde führt, meterdick. Das Wasser direkt aus der Flasche trinken und den Beilagensalat konsequent verneinen. Das Selbstbewusstsein nochmal ins Gewächshaus geben, zumindest über den Winter.

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Sich mit dem Wecker darum streiten, dich wecken zu dürfen. Dir den Appetit auf den neuen Tag unter die Haut flüstern, schon bevor du die Augen aufschlägst. Dich mit rauchzarten Schwaden Wollust gegen die zu erwartende Banalität des Alltags impfen, dich mit Neckereien nähren, die dich verlegen schauern und das rechte Bein anwinkeln lassen.

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Die Zeit hintan stellen, auf den Raum fokussieren, ihn weiten, das Herz aufhellen und aus den Stirnfransen ein Leporello basteln, Hey Dude säuselnd, wenn man es jenseits der Mitte aufschlägt.

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Dem Mittagstisch Beine machen, einen doppelten Boden in unsere hin und her gepingten Wenn-Dann-Sätze flechten, seine Zartheit nur unausreichend verbergend, in seiner Unausweichlichkeit Unruhe hochkochen lassend, sobald einer von uns zu viele Konsonanten hintereinander gepackt hat. Das jedes SZ mich an deine Silhouette erinnert sei da noch nichtmal berücksichtigt, aber du weißt darum, ich ahne es, an deine Schenkel mich lehnend, inwendig.

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Die Zeit hintan stellen, sie vom 24-Stunden-Pfad abbringend, dir Gefährte sein zwischen den Schatten, die dir Sonne auf deinen Leib schlägt, genüsslich in Intimzonen vordringend, konvex und konkav verwechselnd.

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Meine Hüftknochen in deine Kniekehlen schmiegen, dir Mut einflößen, atemweise. Lippenprint, ohne Lack und Siegel, lauert im linken Mundwinkel ein Rest Gin vom Vorabend, flirtend. Dich schweigen machen, den Mund randvoll mit Begehren, so dass jeder Atemzug Gefahr birgt, ein Stöhnen preiszugeben, dass zu viel und dir noch nicht gegönnt.

Gedanken

Schmerz und wie man ihn aushält

Horst Kienzle: Strange Fruit© Horst Kiechle

Es gibt Tage, an denen weiss man, was auf dem Programm steht. Oft genug, weiss ich sogar schmerzhaft genau, was für heute, morgen und nächste Woche auf der Liste steht: Eine Liste voller Punkte, mitunter über das Blatt hinaus. Zuweilen rotten diese Punkte sich zusammen, machen einen auf Punkt vor Strich und ergeben doch nur Unterpunkte. Selten, meist erst am Zeilenende wagen sie ein Ausrufezeichen und sehnen sich nach dicken Strichen durch anderer Leute Rechnung. Mitunter krümmen sich die Punkte zu Fragezeichen. Anhängliche, unterwürfig grinsende Fragezeichen, die nichts als Zweifel in ihrem Wasserkopf tragen. Sie lassen die Brust eng werden und bringen das große Whatsnext aufs Trapez. Immer und immer wieder: Frage, Komma, nächste Frage, Komma, nächste Frage. Keine Antwort zählen lassen. Wer fragt führt: What for? Komma. What now? Komma. What’s next?

Wie diesem Fragezeichen die Luft abschneiden, die Wucht nehmen, das Zeichen wieder zu einem Punkt werden lassen? Wie den Kommata den Atem nehmen, aus dem schlammigen Konjunktiv einen souveränen Nominativ kredenzen? Bis zum Imperativ und zurück, versuchsweise, der eigenen Geschichte Platz einräumen, den Zweifeln ein Kapitel aufschlagen – aber nur eins (!) – der Lust aber gleich drei. Dem Mut einen eigenen Band widmen und das Vorwort von dir schreiben, den Klappentext malen lassen und das Kapitelbändchen zum Semikolon ernennen. Komma her, komma rum, komma eine Seite weiter! Auf die letzte Seite und da einen Punkt setzen, nicht zwei, nicht drei: Einen, der sagt, was er denkt, ohne sätzelange Ausschweifungen, ohne Anzeichen der Krümmung um die nächste gedankliche Ecke.

Punkt. Satz. Sieg. Sieg? Die Zeit hintan stellen, hinter den Punkt, hinter das Buch, hinter das Buchregal, noch hinter den, der sich Alltag nennt und Routine im Schilde führt, meterdick. Hinter mich. Minutendick, stundenlang, tageweise und zwei, drei Sekunden im Necessaire – man weiß ja nie! Und die Zeit, die hat Erfahrung mit diesen Minuten, denen die Sekunden fehlen, abhanden gekommen sind, die plötzlich scharfkantig um die Ecke kommen, von akademischen Vierteln murmeln, und vor den Zweifeln in die Knie gehen. Die dem Schmerz die Tür öffnen, obwohl man ihnen hundert Mal eingeimpft hatte, nicht eine Zeile zur Seite, einen Absatz tiefer zur rutschen, sondern der Schrift die Stange zu halten von der ersten bis zur letzten Seite. Keinen Milimeter vom Wortlaut abweichen. Keine Risse, keine leeren Versprechungen, keine Leerzeichen, keine Doppel, Punkt!