Gelage

Es ist angerichtet

Du badest mich in Sehnsucht, tunkst mich tief. Du lachst wenn ich abends weine, weil die Sonne mal wieder untergeht, unrasiert, bis sie am nächsten Morgen pünktlich zum Kaffee neu aufersteht und servierst Orangensaft, nicht frisch gepresst doch eisgekühlt. Du trägst mich durch die Sorge, die ich mir täglich backe aus Ehrgeiz, Luntenlaune und Siegfriedsschmacht.

Du lehnst dich an meine Brust, die ich dir aus der Walachei mitbringe: tränenfeste Käsekuchenwonne im Ohr. Du isst von meinem Teller, der mit der Beute des Tages gefüllt, für zwei reicht. Mindestens. Du labst meinen Alltag, malst Sommersprossen ihm noch im dunkelsten Unwetter auf die nackten Oberarme, wenn er wieder seine Muskeln spielen lässt, in der Hoffnung, unseren Feierabend damit zu beeindrucken.

Tut er aber nicht. Stattdessen wird angerichtet:

Amuse Gueule:
Sommersprossen, kross, auf hauchzarter Gänsehaut serviert

Vorspeise:
Fingerbeerenverführung ob röhrendem Wildwasserkraut und Liebstöckel

Hauptspeise:
Schulterblatt an Wangenknochen, Süßholzraspel, frische Feigen

Nachspeise:
das Heute auf Eis, auf Wunsch mit einem Hauch Magenbitter komplimentiert

Gelage

Jetzt in Size Zero

Das Jetzt auf Size Zero getrimmt, zeigt sein Gesicht zwischen flaumigen Wangenknochen mit Augen, die eine mitunter gar schüchterne Zukunft abtasten, teils in Blei gegossen, teils Rohfassung in Kohle und Graphit. Ein Flirt sieht anders aus, denkst du und reihst dich in die Abwartenden ein, die Kommentare zahlreich, Gegenargumente eher nur auf nüchternen Magen startklar haben. An der gegenüberliegenden Tischkante ein Abenteuer möchte man meinen, deinem Blick Folge leistend, das so weder erwartet noch gewollt war.

Dein Blick ankert, wo der Tisch Rauschebärte ziseliert aus waschechter Patina und Unausgesprochenem, schmirgelt nichts ab, stürzt nicht ab, keine Schürfwunde, kein Ziepen. Keine Schneise für anderer Leute Blinzeln auch; bloß nicht vom Weg abkommen, der hier viel mehr Ziel noch als Nabelschnurgerade. Stillhalten möchte, wer Zeuge, zwei Moscow Mule und ein Ave Maria mindestens, lieber aber noch, bis dein linker Mundwinkel das Zeichen zur Sprachwiederaufnahme setzt. Durch Zittern so zaghaft wie unmissverständlich an der unteren Lippenwölbung ganz hinten rechts.

Man möchte eine Perle auf deiner Blickfesten sein, eine Nullstelle zwischen Tischtuch und Nabel, zwischen diesem magersüchtig anmutenden Jetzt, das weiterhin mit einer Zehenspitze das Futur zu tätscheln sucht, ohne nass zu werden oder gar den Blick heben zu müssen. Man möchte die Patina an der Tischkante sein, lasziv lispelnd Souvenirs auf dem äußersten Furniersplitter balancierend, und sich sekündlich neu in deinen Blick hüllen. Jetzt. Morgen. Und gestern sowieso.