Generika

Mein Mann in der Wüste

… hat absinthgrüne Augen, aufgerissene Mundwinkel und schmerzhaft verkürzte Achillessehnen. Von letzterem weiß er nicht, dass ich es weiß. Leidenschaftlich hasst er Zehensocken und Wiener Würstchen im Schlafrock, und ist im Herzen ein Mädchen von 43 Jahren, mit trotzig vorgeschobener Unterlippe, safrangelben Kniestrümpfen und einem Faible für kokett geschleckte Eiskugeln an heruntergekurbeltem Autofenster. Zur Sonnenseite hin versteht sich.

Mein Mann in der Wüste trägt mit Vorliebe weiße T-Shirts – die mit dem Affen – zu schwarzen Jeans. Und Kapuzenpulli. Ein Lächeln wagt er selten, wenn dann auf schattigen Terrassen oder nach dem Kinobesuch in dunkler Seitengasse, wenn er sich fast sicher sein kann, dass seine Begleitung die Straße entlang und nicht ihm ins Gesicht sieht. Er ist Langstreckenläufer mit Hang zur Horizontverzettelung.

Er reist gerne, ausdauernd und nahezu ausschließlich allein, von daher sehen wir uns eher selten. Wenn dann zeichnet uns Käsehunger aus. Nicht auf irgendeinen Käse, nein, Morbier aus der Franche-Comté muss es sein. Griffig, gut durchgereift, mit dem Schmelz der zwei Melkgänge wie annodazumal. Und mindestens jeweils 13 Walnusshälften und ebensoviele Weintrauben. Lieber aber doppelt soviele. Und Port. Ein Glas, mitunter auch zwei und hundertmal so viele Augenblicke. Wir können sehr gut schweigen, dann beobachte ich den Sand, den er in seinen Mund- und Augenwinkeln mitgebracht hat und versuche anhand der Körnung, Dichte und Schattierung der einzelnen Sandkörner seine letzte Reiseroute zu erahnen. Das misslingt zumeist, denn zwischen dem rechten und dem linken äußeren Winkel liegen zwei Augen, die meinen Blick ungern vorbeischlendern lassen, liegen durstige Lippen und eine nur auf den ersten Eindruck angenehm wirkende Stimme. Auf den zweiten trägt diese Stimme sorgsam geschichtete Gedankenwirbel, akkurat auf Pointe gefältelte Gespinste und wild sehnsüchtelnde Traumdeutungen, die sich mir bis in die Leistengegend entgegenrecken, stets auf Umarmung geeicht.

Mein Mann in der Wüste träumt vom Meer und erobert in der Zwischenzeit einen Kontinent nach dem anderen. Oase für Oase. Kamelhaardecken sammelnd und Wortwitze und im Absatz seines linken Schuhs vor allem: Sandkornabdrücke. Ich zähle sie heimlich, während er sich unter der Dusche den Schweiß von der Seele seufzt. Zuweilen hörbar ausatmend, immer aber genussvoll reinbeißend in jedes Abend(b)rot.

Gestern

Wo die Erde sich ein goldenes Horn schlug

 

Istanbul in Blue

Wo ich auf der Straße weine und die Sonne dabei scheint. Als wäre nichts gewesen. Wo ich lerne, dass ich es liebe, auf der Straße zu essen. Zwischen parkenden Autos, lauwarmen, öligen Reis mit irgendwas, im Stehen. Wo ich Arabisch, noch lieber aber Türkisch lernen möchte und stattdessen in die Welt von Schalke 04 eingeweiht werde. Wo ich nicht aufhöre, zu laufen, hügelan, hügelab, und es nicht genug Ecken geben kann, um die ich – Kamera voran – biegen will. Wo der Muezzin mindestens zu jeder Tasse Tee singt und es Magnum Eis auch mit Pistazie gibt. Wo ich mir beim Zähnezusammenbeissen nicht nur Kopfschmerzen sondern einen regelrechten Krampf hole. Wo ich wieder lerne, mit kaltem Wasser zu duschen.

Wo ich jeden Abend todmüde ins Bett falle und den Tag danach ohne Kaffee beginne, denn Kaffee wird hier erst nach dem Frühstück und – per default – mit Zucker serviert. Wo der beste Start in den Tag daher folgendermaßen aussieht: Bei einem ausgiebigen Spaziergang zum Hafen vom Lieblings-Sandwich-Zubereiter ein Sandwich mit allen vorhandene Käsesorten, Olivenpaste und Honig, Tomaten und Petersilie bis zum Platzen füllen lassen. Am Hafen die Fähre besteigen und einen starken, süßen Tee ordern, um schließlich an Deck ein Sonnenplätzchen zu ergattern und beim Ablegen Tee und Brot zu genießen.

Wo die Einsamkeit mir wie flockiges Moos jede Pore bis zur Unkenntlichkeit verdichtet. Wo Rot die Farbe der Wahl und Umlaute bis ins Jenseits Konjunktur haben. Wo Ampelmännchen lächeln und Russinnen mir den Unterschied zwischen gutem und wirklich gutem Kaffee erläutern. Wo wirklich jede Straße ins Meer zu münden scheint und Männer auch wochentags noch Hut tragen. Und Handtasche. Wo ich das Vergessen übe und stattdessen Sprache wiederfinde, Worte, die ich längst abgelegt zu haben glaubte.

Dort blieb ich. Nicht lange genug.