Gestern

Wo die Erde sich ein goldenes Horn schlug

Metropolen-Blues

Wo ich auf der Straße weine und die Sonne dabei scheint. Als wäre nichts gewesen. Wo ich lerne, dass ich es liebe, auf der Straße zu essen. Zwischen parkenden Autos, lauwarmen, öligen Reis mit irgendwas, im Stehen. Wo ich Arabisch, noch lieber aber Türkisch lernen möchte und stattdessen in die Welt von Schalke 04 eingeweiht werde. Wo ich nicht aufhöre, zu laufen, hügelan, hügelab, und es nicht genug Ecken geben kann, um die ich – Kamera voran – biegen will. Wo der Muezzin mindestens zu jeder Tasse Tee singt und es Magnum Eis auch mit Pistazie gibt. Wo ich mir beim Zähnezusammenbeissen nicht nur Kopfschmerzen sondern einen regelrechten Krampf hole. Wo ich wieder lerne, mit kaltem Wasser zu duschen.

Wo ich jeden Abend todmüde ins Bett falle und den Tag danach ohne Kaffee beginne, denn Kaffee wird hier erst nach dem Frühstück und – per default – mit Zucker serviert. Wo der beste Start in den Tag daher folgendermaßen aussieht: Bei einem ausgiebigen Spaziergang zum Hafen vom Lieblings-Sandwich-Zubereiter ein Sandwich mit allen vorhandene Käsesorten, Olivenpaste und Honig, Tomaten und Petersilie bis zum Platzen füllen lassen. Am Hafen die Fähre besteigen und einen starken, süßen Tee ordern, um schließlich an Deck ein Sonnenplätzchen zu ergattern und beim Ablegen Tee und Brot zu genießen.

Wo die Einsamkeit mir wie flockiges Moos jede Pore bis zur Unkenntlichkeit verdichtet. Wo Rot die Farbe der Wahl und Umlaute bis ins Jenseits Konjunktur haben. Wo Ampelmännchen lächeln und Russinnen mir den Unterschied zwischen gutem und wirklich gutem Kaffee erläutern. Wo wirklich jede Straße ins Meer zu münden scheint und Männer auch wochentags noch Hut tragen. Und Handtasche. Wo ich das Vergessen übe und stattdessen Sprache wiederfinde, Worte, die ich längst abgelegt zu haben glaubte.

Dort blieb ich. Nicht lange genug.

8 Gedanken zu „Wo die Erde sich ein goldenes Horn schlug“

  1. grapf sagt:

    Ja, so kann Istanbul sein. So ergreifend und bewegend.
    Und: du kannst ja wieder hin. Nächstes Mal wird es wahrscheinlich auch wieder nicht lange genug sein.
    Dein Text weckt wilde Sehnsucht in mir.

  2. kopffuessler sagt:

    Ergreifend ist das richtige Wort, grapf. Und Sehnsucht, wilde Sehnsucht, ach.

  3. kid37 sagt:

    Ich mach das irgendwann auch noch mal.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.