Gestern

Das Unmögliche macht Angst

Was so ein Abend doch ausmacht mit einer Frau, die das Leben führt, das mir unmöglich. Die ihre schwere Krankheit durchlitten und schließlich überwunden hat. Die sich damit angefreundet hat, nie Mutter, dafür großzügige Tante zu sein. Die einen Job gefunden hat, der sie nicht nur ausfüllt und herausfordert, sondern auch weiterbringt und mit ausreichend Kleingeld in den Taschen zurücklässt. Der sie und ihre Fähigkeiten anerkennt. Deren Alltag sich in unterschiedlichen Ländern, ja Kontinenten abspielt und deren nicht-deutscher Mann nicht nur sie auf Händen trägt, sondern zugleich mit Witz und weltläufigem Charme seiner überbordenden und international geschätzten Kreativiät regelmäßig die Stirn bietet.

Wo Geld nicht mehr diese zehrende alltägliche Rolle spielt, sondern verfügbares Mittel zum Zweck. Die mit einer Selbstverständlichkeit sagen kann “Müssen muss ich gar nichts”. Die ebenso relaxed wie kindlich begeistert ihre Lieblingsantillen aufzählt, als ernst gemeinte Empfehlung für den nächsten Jahresendurlaub. Die mit einer Contenance zu spät kommt, wo immer sie aufschlägt sichtbar stilvoll gekleidet, nie ausgelaugt, nie mit Augenringen, die als Zeichen von Übermüdung und Sorgendichte alle Make-Up-Versuche durchdringen. Mit sich und der Welt im Reinen und das mit einer Absolutheit, die auch das 4. Glas roten Weins nicht zu stürzen vermag.

Was so ein Abend doch ausmacht. Was er zurücklässt. Was er unmöglich macht.

Generika

Niemand, dem es nicht gut geht

Aus dem Fieber der Kieferhöhlenentzündung entsteht kurzfristig Verlangen nach großen Händen, Oberarmen, die zu halten gewohnt und einem selbstironischen Lächeln. Aber das trügt, sie weiß es genau, und dieses Wissen zermürbt auf den zweiten Atemzug noch den letzten Fussel Sehnsucht, der sich heimlich, aber nicht klamm unter’s selten belegte Bett geflüchtet hatte. Seit die Schulter wieder jammerte, schlief sie meist auf dem Boden, den Schlafanzug gegen eines der weißen T-Shirts ausgetauscht, die sich seit 1995 in ihrem Schranke sammelten. Eigentlich ist lange schon wieder jede Nähe zu viel, seit kurzem jede Decke gar.

Vor 1995 hatte sie nicht eines, sie erinnert sich genau, damals hatten Shirts schwarz zu sein, oder farbig, niemals aber weiß. Und dann kam der erste T-Shirt-Druck – weder originell noch stylisch, aber ein Geschenk. In XL. Prädikat untragbar und damit noch vor dem ersten Waschgang zur Nachtwäsche erkoren. Seitdem gibt es immer wieder Phasen, in denen sie sich der lasziven Negligés verweigert und Pyjamas zu warm, Phasen, in denen weiße T-Shirts Saison haben. Nächteweise. Morgens mit Wollsocken garniert zum ersten Milchkaffee. Sonntagmorgens.

Was das Shirt unbedeckt ließ, waren die Knie, Scheibe für Scheibe verkühlten sich diese Nacht für Nacht spätestens im Morgengrauen, erröteten unter den ersten Sonnenstrahlen, Gänsehaut die Oberschenkel erobernd und die Kehlen heiser werden lassend. Sie träumte derweil von Skitouren in gletscherndem Gebirge und wunderte sich mehr über die plane Bodenbeschaffenheit denn die zitternden Knie. Im sicheren Gefühl, Buckelpisten zu bezwingen mit fremden Skiern, zog sie die Knie rhythmisch näher ans Kinn und streckte die Beine im Wechsel. Rhythmus und Haltung, so die Worte des ältesten Skilehrers damals, knapp 85, ganze Bergmassive in der Westentasche, Welscher Dialekt auf der Zunge und oft genug Schümli-Pflümli im Visier.

Zwei Träume später ist die Nacht vorbei, alle ihre Haut berührenden Stofflagen feucht, das Fieber gesunken, Vick MediNait, schweißtreibendem Gefährte in dunklen Stunden sei Dank.

Am nächsten Morgen will sie niemand mehr sein, dem es nicht gut geht.