Generika

Niemand, dem es nicht gut geht

Aus dem Fieber der Kieferhöhlenentzündung entsteht kurzfristig Verlangen nach großen Händen, Oberarmen, die zu halten gewohnt und einem selbstironischen Lächeln. Aber das trügt, sie weiß es genau, und dieses Wissen zermürbt auf den zweiten Atemzug noch den letzten Fussel Sehnsucht, der sich heimlich, aber nicht klamm unter’s selten belegte Bett geflüchtet hatte. Seit die Schulter wieder jammerte, schlief sie meist auf dem Boden, den Schlafanzug gegen eines der weißen T-Shirts ausgetauscht, die sich seit 1995 in ihrem Schranke sammelten. Eigentlich ist lange schon wieder jede Nähe zu viel, seit kurzem jede Decke gar.

Vor 1995 hatte sie nicht eines, sie erinnert sich genau, damals hatten Shirts schwarz zu sein, oder farbig, niemals aber weiß. Und dann kam der erste T-Shirt-Druck – weder originell noch stylisch, aber ein Geschenk. In XL. Prädikat untragbar und damit noch vor dem ersten Waschgang zur Nachtwäsche erkoren. Seitdem gibt es immer wieder Phasen, in denen sie sich der lasziven Negligés verweigert und Pyjamas zu warm, Phasen, in denen weiße T-Shirts Saison haben. Nächteweise. Morgens mit Wollsocken garniert zum ersten Milchkaffee. Sonntagmorgens.

Was das Shirt unbedeckt ließ, waren die Knie, Scheibe für Scheibe verkühlten sich diese Nacht für Nacht spätestens im Morgengrauen, erröteten unter den ersten Sonnenstrahlen, Gänsehaut die Oberschenkel erobernd und die Kehlen heiser werden lassend. Sie träumte derweil von Skitouren in gletscherndem Gebirge und wunderte sich mehr über die plane Bodenbeschaffenheit denn die zitternden Knie. Im sicheren Gefühl, Buckelpisten zu bezwingen mit fremden Skiern, zog sie die Knie rhythmisch näher ans Kinn und streckte die Beine im Wechsel. Rhythmus und Haltung, so die Worte des ältesten Skilehrers damals, knapp 85, ganze Bergmassive in der Westentasche, Welscher Dialekt auf der Zunge und oft genug Schümli-Pflümli im Visier.

Zwei Träume später ist die Nacht vorbei, alle ihre Haut berührenden Stofflagen feucht, das Fieber gesunken, Vick MediNait, schweißtreibendem Gefährte in dunklen Stunden sei Dank.

Am nächsten Morgen will sie niemand mehr sein, dem es nicht gut geht.

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