Generika

Nach dem Schrei

ist vor dem Schmerz. Ist unter dem Nagel des Schmerzes. Im Tränensack des Schmerzes. In seiner Kniekehle. An seiner Achillesferse. Da, wo es wehtut, bis zur Übelkeit wehtut.
Um dann doch das Buch wieder an der falschen Stelle aufzuschlagen, letzte Nacht, als der Schlaf fern blieb und der morgendliche Termin immer näher rückte. Letzte Nacht, als das Fernsehprogramm versagte und der Rechner nur noch unregelmäßige Lebenszeichen von sich gab. Auf der Seite zu lesen beginnen, wo das dunkle Kapitel sich versteckt hielt, all die Jahre. Nur um am Frühstückstisch ungeduldig von dem kleinen traurigen Mädchen erwartet zu werden, dass an seinen Zopfenden kaut bis die Haare grau statt blond und der Hunger vergessen.

Nach dem Schrei ist vor den Tränen, oder aber mittendrin. Auf dem Gipfel der Angst, wenn alle Weichheit längst geflohen und auch Wein nicht mehr hilft. Wenn das Zittern zur Starre verkommen. Wenn alles bitter.
Um dann doch noch einen Löffel Achtung zu wagen, einen Teelöffel versteht sich, keinen Ess- oder gar Suppenlöffel. Einen englischen Teelöffel. Mit Minzgeschmack und den preussischblauen Sprenkeln der frisch gepflückten Achtung, die schneller verwelkt als der Kaffe aufgegossen. Und dann ist auch schon Mittag und der Tag somit halb rum.

Die nächste Nacht wartet nicht auf den Schmerz, sie erwächst aus ihm. Mit etwas Glück ist ausreichend Erschöpfung parat und ein passendes Negligé, es muss nicht einmal schwarz sein.
Jetzt aber erst einmal Sommer, dessen Sonne die Narben hervorzuholen versteht, wie kein anderer. Schmach inklusive und das Bedürfnis nach extra-dunklen Sonnenbrillen. Das einst blonde Mädchen hält für diese Art von Tagen sogar stets einen Rock bereit, nach Weichspüler duftend. Aber nur ich spüre den in den Fasern klebenden Hohn. Sie lacht.

Gelüste

In Grund und Boden

Ich weiß ja, du kannst nichts dafür. Im Gegenteil, es ist ja Liebe. Auch der Arzt nicht und nicht die Eltern, der Typ am Telefon nicht und nicht die dusslige Apothekerin. Auch der zwinkernde Anwalt nicht und nicht die drei Mädels vor mir an der Kasse, nichtmal die Schwangeren in der S-Bahn und nicht die Frau S., die mir die Absage heute schickte. Der Ofen nicht, auch wenn er die Kekse verbrannte, der Dieb nicht, auch wenn das Fahrrad meines war, der April nicht, auch wenn das Wetter besser sein könnte.

M. nicht, denn warum auch nicht, eine Umarmung hat noch niemandem geschadet, und C. nicht, der versteht bestimmt noch nichtmal warum ich nicht kam. K. nicht, denn wer würde bei New York schon nein sagen. J. wahrscheinlich auch nicht, aber nein, ich möchte keinen Trost.

Und doch. Ich würde so gerne schreien, euch alle in Grund und Boden.