Gemäuer

Marseille – La ville en jaune

“Marseille – gelbes, angestocktes Seehundsgebiß, dem das salzige Wasser zwischen den Zähnen herausfließt. Schnappt dieser Rachen nach den schwarzen und braunen Proletenleibern, mit denen die Schiffskompagnien ihn nach dem Fahrplan füttern , so dringt ein Gestank von Öl, Urin und Druckerschwärze daraus hervor.”
Walter Benjamin, 1928

Marseille ist nicht die größte Stadt Frankreich und sicher nicht die schönste, aber sie ist die älteste, eigentlich eine griechische, und wenn man im Winter auf der Suche nach einer geballten Portion Sonne ist, Hafenstädte bevorzugt und Gassen nur schwer widerstehen kann, ist in Marseille richtig. Die Stadt hat viel und in vielen Sprachen zu erzählen, wenn man sie lässt. Dafür stellt sie an allen Ecken und Nischen Cafés und Köstlichkeiten bereit, außer zwischen 14 und 16 Uhr, da ist Siesta.

“Wenn ich … von Paris mit dem Nachtzug zurückkommend, des Morgens das blaue Ufer wiedersah, die Berge, das Meer, die Pinien und Ölbäume, wie sie die Hänge hinaufkletterten, wenn ich die aufgeschlossene Behaglichkeit der Mittelmeermenschen wieder um mich fühlte, dann atmete ich tief auf und freute mich, dass ich mir diesen Himmel gewählt hatte, unter ihm zu leben.”
Lion Feuchtwanger, Der Teufel in Frankreich

Manche Viertel strotzen vor Streetart, andere wirken eher verbraucht, die in der Mitte sind voller Souvenir- und Seifenläden, aber Gelb zieht sich als Motto durch. Der “Kleine Gelbe” ist denn auch der Nickname des Pastis, seit 1915  Haus-und Hofgetränk Marseilles, abgeleitet von dem französischen Wort Pastiche, Nachahmung, weil der gelbe Apéro aus Pernod und Wasser, seinerzeit den verbotenen Absinth ersetzte. Er hält sich hier wacker gegen denaonst omnipräsent Apérol und duftet mit den Bäckereien und Grills um die Wette. Abnehmen wollen darf man hier nicht.

Höchstens an Sünden. Notre Dame de la Garde ist die weit über die Stadtgrenzen sichtbare Landmarke, aber auch im Stadtgebiet tummeln sich Gotteshäuser diverser Glaubensrichtungen. Die meisten sind besuchbar und übertrumpfen sich in der Weihnachtszeit mit Krippenszenarien, eine Tradition der Region: Aus getöpferten Figuren sogenannten Santons, Mini-Heiligen. Das eigentliche Zentrum, Fluchtpunkt aller Straßen aber ist der Alte Hafen, le Vieux Port, morgens und abends der beste Ort, um sich von der Stadt von neuem einnehmen zu lassen.

Gegenwart

Guten Morgen, ein Croissant, bitte!

Guten Morgen,
ein Croissant, bitte, zwei Körnerbrötchen, drei Mohnsemmeln und zwei normale.

Croissants sind leider gerade aus, der Käuferin tut es sichtlichlich leid, dem Wunsch des bezopften Mädchen mit dem Zettel in der Hand, nicht entsprechen zu können. Wir hätten welche mit Nussnougatfüllung?

Das Mädchen zögert, studiert den Zettel, so aufmerksam, dass auch ich einen Blick darauf erhaschen kann. Da steht nichts drauf.

Das Mädchen sieht die Verkäuferin hilfesuchend an. Möchtest du mir den Zettel  vielleicht geben? Und dann spricht sie aus, was ich eben bemerkt hatte: Die Einkaufsliste ist gezeichnet, das Croissants und die Brötchen sind mit Zahlen versehen untereinander gemalt worden, klar erkennbar in ihrer Form und dem Belag.

Sie sammelt, was sie hat aus den verschiedenen Körben in der Theke und findet mit dem Mädchen gemeinsam Ersatz für das Croissant, die Dame hinter mir hilft beim Eintüten, und unverhofft macht sich ob der gemeinsam gestemmten Situation ein Lächeln breit, verteilt sich und beschließt spontan, zu bleiben.