Geschwister

Der Satz des Poseidon

Er fühlte sich pubertär, so liebevoll die Zweifel gehätschelt, so intensiv die Wangen nach erhofften, aber eben doch nicht sprießenden Bartstoppeln abgetastet. So mürrisch den Tagen in ihre jugendlichen Gesichter geblickt, von schräg rechts unten mit unverhohlener Skepsis, das eigene Kinn dazu fast an die noch immer gänzlich unbehaarte Brust geschmiegt. So ohne Verlass die eigene Stimme bei den doch sowieso schon selten gegeben Stimmproben, mal fisteliger Sopran, mal rumpelnder Bass, so geruchsintensiv die eigenen Achseln.
Er wollte die Welt, den Himmel, unendliche Schokoriegel, und nicht etwa das trockene Stück Brot, nicht die zwölfstellige Pin einer weiteren Chipkarte oder die Zusatzversicherung für etwaigen Zahnbelag. Er hatte das ihn mit Schwertstichen an seine Existenz gemahnende Bedürfnis nach in seinem Ohr sich umarmenden Landschaftpanoramen, nach rauschengelnder Nacktheit samt Federboa, nach jegliche Wut vernichtender Sanftheit. Und mehr als alles fürchtete er dieses unkontrollierbare Fluten der emotionalen Hormone oder wie immer das hieß.
Er ist ein Bruder der romantischen Verlierer und lächelt das über die Jahre unentbehrlich gewordene Pathos Sonntag für Sonntag nach dem Tatort in sich hinein. Das Pferd ist ihm, Bruder des Hades, heilig, Kühe hingegen schlachtet er mit Wollust, verzehrt sie, mit jedem Bissen rohseidene Blutfäden zwischen den Lefzen züchtend. Allerdings nur bei Nebel und auch dann nebst Knoblauchsauce extra dry, für den obligatorischen Durst danach stehen schließlich Ozeane bei Fuß. Den geborgten Dreizack unterm Kopfkissen, wird wenn dann sauer geweint, ansonsten hörbar geschlafen. Heute wie damals zurecht.

Gelüste

pommes de guerre

Der Krieg um ihre Augäpfel hatte nicht mit dem kleinen Schiff Pyjamahose begonnen, das nicht. Aber Pupule und Pomidore hatten doch einigen Einfluss geltend gemacht, sonst wären Tante Nadine, Pyjamahose und Paris heute vergessen und der Krieg einem friedlichen Idyll gewichen. Die staatlichen Musen in Berlin hatten nun in den letzten Monaten die Asche geschürt und das Feuer wieder lodern gemacht, sie merkte der Flammen Spitzen an den Schläfen klopfen. Jetzt und hier, wo der Wind ungebremst eisig aus Nordnordost weht, doppelt schmerzhaft und den Wunsch nach einer doppelten thermostatischen Augenklappe nicht nur weckend sondern regelrecht aus dem Plumeau schleudernd.
Über die Gulaschsuppe bin ich nie hinaus gekommen, brummelt es etwa zweieinhalb Meter entfernt auf fünf Uhr. Ihre Achillesferse bläst bereits zum Aufbruch, nur die linke Ohrmuschel tut sich noch etwas schwer mit dem Verlassen des unwirtlich zugigen Standpunkte. Sie ist es somit, die die kulinarische Botschaft nicht nur empfängt, sondern ungekürzt und auf dem direkten Weg an den Magen weitergibt , der, wie sie weiß, aus jedem auch nur halbwegs deftigen Stichwort ein Menü zusammenzustellen in der Lage ist. Keine halbe Minute später sind Musen und Migräne vergessen, man sammelt Speichel und Kleingeld und schickt die Augen allein auf Spähtrupp um die nächste Straßenecke, eine Küche, wenigstens einen Herd aufzutun.
Ihre Rückkehr erfolgt schweren Lides, Nur Obst! wird zwischen den mittlerweile eisblumigen Wimpern hervor gepresst. Nur Obst?!, röchelt das Wadenbein schauernd und dreht sich bereits heimwärts. Ja, Äpfel! frohlockt da der bisher selten gehörte rechte Wangenknochen, saftig-saure, rauschalige, zartkernige Äpfel. Und der Restkörper, in Gedanken bereits am warmbankigen Kamin lehnend, echot ein Bratapfelnachmittagsevent und versöhnt damit unwillkürlich nicht nur die einzelnen Körperteile. Nein, auch den Pommelier, der die stumme Diskussion aus der Ferne nur unter Zungenbissen unkommentiert beobachtet hatte.