Gestik

Ankünfte

Aus der erst zur Hälfte ausgepackten Tasche stolpern Kussversuche seine linke Wange empor, vorbei an den sich stapelnden noch zu erledigenden Dingen, notdürftig auf altgelben Zetteln notiert. Erster Halt Tränensack. Wimpernumsäumt lockt das Auge himmelblau und bisher weitgehend unbeweint. Die Reise war lang und der Himmel meist blutleer, vereinzelt durchbrachen eiternde Kondensstreifen den konvexen Horizont. Reckten sich nach der Sonne und verglühten träge tröpfelnd.

Im nächsten Leben Streichelzooinsasse argwöhnt er dem legasthenischen Himmel, der nicht bis 10 geschweige denn bis 7 zählen kann. Wohlwissend den Umweg wählende Küsse verfangen sich im Unterholz der Braue. Er beginnt zu lächeln, es mag kaum hörbar kitzeln. Die Hände in der Tasche vergraben sind die Finger auf der Suche nach Fassbarem. Nach eindeutig Verstaubarem. Umgehen Souvenirs, erinnert wird später. Aber das Auge tränt jetzt, den ungeübt gespitzten Lippen hinterher, den Tränensack leerend. Verformend.

Luft schmeckt salzbitter, auch und gerade durch die Nase eingeatmet, lauwarm. Er würde jetzt gerne einen Salamander reiben, dem Kloß im Hals über die Schnelle helfen. Den Lippen ausweichen, die jetzt rechtswangig den Weg zum hinter der Biegung liegenden Ohrläppchen einschlagen. Weiterhin irritierend asynchron seine Bartstoppeln touchierend. Er schauert vergebens. Die Tasche bleibt unausgepackt an diesem Abend, die Contenance dahin, das Ohrläppchen unerreicht. Sein Lächeln aber verbreitert sich.

Geschwister

Zum Hirschen

Kichert verlegen und weiß doch ganz bestimmt, dass sie den Herrn W. nicht duze. Seine Frau zwar bereits seit über 20 Jahren, aber ihn nicht. Erwin oder nein Erich hieße er, und sie mag ihn sehr, als einen der ganz wenigen Rechtsanwälte. Und letztens am Telefon, da hätte er seiner Frau gerufen, die Gerda sei dran, da hätte sie schon kurz geschwankt, ihm das Du anzubieten. Aber sich dann doch dagegen entschieden, es bleibt beim Herrn W., denn Herr W. ist einige Tage älter als sie. Entscheidende Tage wohl, denn beide sind sie 88.

Nur noch das Hirn funktioniert, knurrt sie zwischen zwei Gabeln grünem Salat, und blickt unleidig auf die übrigen Körperteile. Alles nicht mehr das, was es mal war. Sie weiß so viel, dass kaum Fragen gestellt werden, und wenn, ohne Chance auf Beantwortung. Ist der Film in ihrem Kopf erst einmal eingelegt, lohnt kein Einwand., kein Aufschub wird gewährt. Nur zwischendurch aus dem Bauchladen ein Eis anbieten, ist dem Gegenüber vergönnt, und heimliches Schmunzeln. Die Kellnerin trägt es mit Fassung, ihr Tagesgericht dreimal anpreisen zu müssen, und lächelt die Unsicherheiten und mannigfachen Entschuldigungen für unsere Verspätung hinweg.

Sitzt da und nuckelt glücklich kleckernd am Eiskaffee, fast lässt sie Blasen blubbern, die grauen Haare endlich mal nicht mehr straff gescheitelt. Eigentlich hatte sie keinen Appetit, umso besser schmeckte dann die Scholle zu den Mandelkartöffelchen und wie noch mal der Baum hieße, unter dem wir sitzen? Es macht sie stolz, dass man ihren Namen bei der Tischreservierung noch kannte, obwohl der Mann, der bei seinen Aufsichtsratessen den Ruf dazu festigte, schon 16 Jahre begraben liegt. Der Schock, dass sie beim Nachtisch die weinroten Kirschen nicht mehr vom sahnegelben Vanilleeis unterscheiden kann, bahnt sich im idyllischen Sommernachmittag seinen dunklen Pfad in mein Bewusstsein.

Jungs mussten nicht helfen, sagt sie, aber ich habe die Wurst im Waschkessel gerührt, habe Speckschwarten gewürfelt im Keller. Wütend, dass die Jungs derweil spielen durften! Die Eier vom Dorf, in dem sie als Kind die Ferien verbrachte, die wurden einzeln in Zeitungspapier geschlagen, zur Isolation, und zwischen die Wäsche gelegt. Keins ging dabei zu Bruch. Erinnerungsfetzen.

Heute kurvt sie das Auto die Berge hoch und runter, ins Parkhaus und über die Grenze und nur einmal verwechselte sie auf dem steilen Weg vom Haus runter in die Stadt Gas- und Bremspedal. Es blieb bei einem sehr kurzfristigen Schreck und führte zu einem neuen schnelleren Auto. Sie will mobil bleiben, denn der Terminkalender ist gut bestückt. Zwischen die häufiger werdenden Arzttermine schiebt sie hartnäckig Einkaufsfahrten ins Nachbarland, Klavierstunden des Enkels und Verabredungen zu Doppelkopf und Tennis. Nächste Woche aber wird, wie fast jedes Jahr, der Freund aus Schultagen im nördlichen Finnland für einige Wochen und alle Sehenswürdigkeiten unterwegs besucht.