Geliebte

Camels Ultra

Miniaturmalerei Kamel, Indien © KHM-Museumsverband / Weltmuseum Wien

Es war einmal ein alter Scheich, der hatte 17 Kamele und drei Söhne. Als er merkte, dass er bald sterben würde, rief er seine drei Söhne zu sich und teilte ihnen seine Kamele zu. Seinem ältesten vermachte er die Hälfte seiner Herde, seinem zweitältesten ein Drittel und der jüngste Sohn sollte 2 Kamele bekommen.

Als er gestorben war und die Söhne die Kamele unter sich aufteilen wollten, gerieten sie in Streit: die 17 Kamelen ließ sich nicht halbieren, nicht dritteln. In Ihrer Not baten sie eine alte weise Frau um Hilfe. Die alte Frau war ehrlich: Ich weiss nicht, ob ich euch damit helfe, aber ich kann euch mein Kamel schenken.

Die drei Männer staunten über die Lösung, bedankten sich und der älteste nahm sich neun Kamele, die Hälfte der jetzt 18-köpfigen Herde, der zweitälteste erhielt drei und der jüngste nahm sich zwei der Kamele. Eines aber blieb übrig und so konnten die drei der alten Frau ihr Kamel wieder zurückgeben.

 

Als Kind liebte ich Märchen – und Kamele. Beides hatte mit Sehnsüchten zu tun, Warum lieben Kinder Kamele, was verbinden sie mit diesen Tieren, die zugleich uralt und weise, und ein bißchen tappsig und nicht für diese unsere Welt gemacht scheinen? Diese überdimensionierten Wüstenschiffe, die in der unwirtlichsten unserer Landschaften zu überleben wissen, tagelang ohne Wasser und Nahrung. Die kistenweise Gepäck zu tragen vermögen und einen Orientierungssinn zu haben scheinen, der ohne jede Landmarke und bei größter Hitze funktioniert. Kamele, die, so lernte ich spät, gar nicht aus der afrikanischen Wüste, sondern ursprünglich aus Nordamerika stammen. Kamele, die in so vielen Arten existieren, klein und groß, mit einem und mit zwei Höckern, mit lockigem und kurzem Fell, mit langen und mit kurzen Beinen.

Josh Gluckstein, Lima the Llama, 2021, gefundene Materialien und recycelte Stoffe © KHM-Museumsverband / Weltmuseum Wien

Kamele stehen in unseren Kulturkreisen ja häufig für Ferne und Fremde, für Wüste und Transport vielleicht. Die überdimensioniert anmutenden Wüstenschiffe scheinen aus der Zeit gefallen, dabei können wir von ihnen nicht zuletzt Resilienz in unwirtlichen Gegenden und Umständen lernen. Sie stehen für sich, nicht zuletzt als Währung, für Erbe und Reichtum, sie funktionieren aber auch in Herden, als Karawanen auf dem Weg zur nächsten Oase. Ihre Milch strotzt vor Vitaminen und Nährstoffen, ist reich an Eiweiß und guten Fetten. Gab es eine Zeit ohne Kamele? Man kann es sich kaum vorstellen, so unabhängig von Zeit und Raum wirken sie, und währen der Kamelhaarmantel in der Mode vielleicht noch auf sein Revival wartet, ist die Zeit der Kamele vielleicht nie größer gewesen. Die Zeit für meinen Kamelritt jedenfalls reif.

PS: Wer sich fragt, warum die Camels Zigaretten das Kamel im Logo führen: Der Gründer R. J. Reynolds wollte eine Verbindung zum Orient schaffen, da der Hauptbestandteil der Zigarette aus Orienttabak besteht. Auf dem Logo ist “Old Joe”, ein Zirkusdromedar au zu sehen, also ein einhöckriges Kamel, dessen Zirkus damals gerade im Wohnort von Reynolds gastierte.

PPS: Und wer nachrechnen möchte, wie viel sein Freund oder seine Freundin in Kamelen wert ist, et voilà der Kamelrechner!

PPS: Die hier abgebildeten und weitere Ausstellungsstücke rund ums Kamel finden sich aktuell im Weltmuseum in Wien.

Gemäuer

Wiener Icons? Auböcksches Design to go!

Carl Auböck II, Briefbeschwerer (1947–1950) © MAK/Christian Mendez

Wer in Wien durch die Straßen schlendert kommt an Architektur- und Designgeschichte nicht vorbei. Im Gegenteil wird sie mit jedem Schritt augenscheinlicher, durch Hinweisschilder und Plaketten beredt und reicht bis in Details wie Giebel oder Türklinken. Selbstverständlich macht sie an der Haustür nicht Halt, wer Ehre und Freude hat, Häuser zu betreten findet Ikonen der unterschiedlichen Epochen in den Alltagsgegenständen der Privathäuser, ebenso wie ausgetstellt in den zahlreichen Museen der Stadt.

Einer Design-Ikone hat das Museum für Angewandte Kunst aktuell eine kleine, aber feine Ausstellung gewidmet: Carl Auböck, einst Schüler von Johannes Itten, Kollege und Freund von Walter Gropius und Ehemann der Bauhaus-Künstlerin Mara Uckunowa. Dass er als Maler begann und zwischen den Künsten wandelte prägte seinen Designbegriff ebenso wie seine ikonisch gewordenen. Apropos ikonisch, der Ikonenbegriff zeichnet sich durch zwei Bedeutungen aus:

[1] als Zeichen oder Abbild das Gemeinte in seiner Form abbildend, wiedergebend.
[2] einer Kultfigur (Ikone) würdig, augenfällig, anschaulich.

Und ja, sie werden beiden Bedeutungen gerecht, die Lampen und Tische, die Aschenbecher und Briefbeschwerer, die allermeisten von ihnen haben bei aller ihnen innewohnenden, man ist versucht zu sagen, natürlichen Schönheit einen Alltagszweck inne. Die Natürlichkeit wird vom Material getragen, das nicht nur Träger sondern formgebende Substanz in einem und das mit einer Autorität, die dem Zeitgeist entspringend, eine museale Zeitlosigkeit im Design vorwegnahm: Messing und Bambus, Leder und Horn, Walnussholz und Stein bestimmen, was aus ihnen werde und das ist immer auch Skulptur.

Mara Uckunowa-Auböck, Stoffmuster, 1930er Jahre © MAK/Georg Mayer

Die Nähe zu den Künsten – Bildhauerei, Malerei, Architektur, Zeichnung – macht Kuratorin Bärbel Vischer, selbst in der Bildenden Kunst zu Hause, zum roten Faden der Exposition: Auf den Tischen und an den Wänden des aus konservatorischen Gründen abgedunkelten Schreins für den Wiener Design-Klassiker Carl Auböck dem Zweiten, finden sich immer wieder Hinweise, angefangen mit dem Ausstellungsstück Nummer 1, einer Ode an die Linie des erst 19jährigen Carls. Man ist versucht, die Linie fortzuführen, sie fruchtbar werden zu lassen um die Lampenschirme und Schachfiguren herum, die alle bei aller Stilsicherheit einer durchaus erotisch anmutenden Fruchtbarkeit nicht entbehren.

Und die Kunst, die Künstlerinnen fühlen sich angesprochen. Nach Johannes Itten, etwa die Zeitgenossen des Bauhauses, nicht zukletzt seine Ehefrau, selbst Bildhauerin und Textildesignerin, mit der er auch gemeinsam arbeitete. Auch eine Elfride Jelinek kann sich für den Lichtwurf der Auböckschen “Lampen am Stiel” begeistern:

Die Freundlichkeit der großen und der kleinen Bambuslampe von Carl Auböck ist so heiter und friedlich wie das Licht selbst, das aus ihnen kommt.
Elfride Jelinek, 2005

Paulus Dreibholz, Werkstätte Carl Auböck, 2024 Courtesy Atelier Paulus Dreibholz

Carl Auböck ist Künstler und er bleibt Handwerker und als solcher ist sein zentraler Schaffensort kein Atelier, sondern seine Werkstatt. Hier im Bild der zentrale Arbeitstisch der legendären „Werkstätte Carl Auböck“ , in der auch heute noch im 7. Wiener Bezirk die Designklassiker von Hand gefertigt werden. Gegründet wurde sie jedoch bereits im Jahr 1912 als Metallwerkstatt von seinem Vater Karl Heinrich Auböck (1872–1925) und damit Karl Auböck, der Erste.

Hier wurde Carl Auböck (1900–1957) , der bekannteste Sprößling der Dynastie im familieneigenen Betrieb zum Bronzearbeiter und Ziseleur ausgebildet, bevor er an der Akademie der bildenden Künste Wien und bei Johannes Itten in Wien Malerei und später an der Bauhaus-Akademie in Weimar Metallarbeit studierte. Und da schließt sich der oder doch zumindest einer der Kreise, Hand und Fuß seiner Werke und ein Großteil seiner Linien, sind nicht nur im Titelbild aus Metall.


Die Ausstellung ICONIC AUBÖCK. Eine Werkstätte formt den österreichischen Designbegriff ist noch bis zum 6. Januar/Jänner im Wiener MAK zu sehen.