Gedanken

Barock der Apfelsorten

Den See hast du dir auf den Leib schneidern lassen, die Taille hoch angesetzt, den Saum doppelt, die Knopfleiste als Strand. Welle für Welle folgt deiner Silhouette, zeichnet deine Stille nach, setzt feine Säume, wo das Land endet, wo eine Hand Ausschau halten möchte, wo ein Fuß austritt, wo ein Ufer erste Knospen trägt.

Ein Wasserfallkragen, der deine Schultern hochleben lässt, weiß unsere Blicke zu bündeln, deinem Kinn zu Füßen. Barock, setzt du an, barocke Apfelsorten etwa, fallen nicht weit von ihrem Stamm, der seinen Wurzeln längst entwachsen, dem Himmel endlich näher kommen mag, auch wenn er sich dafür aufteilen wird in Zweige, die sich widerstreben, die die Richtung vorgeben und nicht einknicken, ehe die Weite ausgelotet, die möglich, damit der Apfel gelingt, aber eben nicht allzu weit vom Stamm und der Himmel nicht nur eine Frage der Phantasie.

Dein Haupt empor in eine Welt, die dir zugetan, sagst du, so sehr, dass sie dir einen Wind durchs Blattwerk fahren lässt und eine Krone schenkt, in einem Grün, das dich kleidet. Und zuweilen ein Kind, das deinem Schatten hörig, sich an dich lehnt mit jeder Sorgenfalte, die es wagt, sein Kleid zum Knittern zu bringen. Barocke Apfelsorten legst du in eine Kiste, die ich Sarg nennen, und du unter die Erde bringst, auch wenn du das Keller nennst, und Reifen.

 

 

Gegenwart

Kultur über den Wolken? Im Halteverbot!

Gestern noch war das Wort mir Bühne, heute ist das Merkmal der Kunst Dialekt. Die Sprache fädelt sich neben die Politik, übersetzt Abwehr in Mundart, Verhandlungsbereitschaft in die Bemühung, die Dialektik zu verlassen. Neben mir Peter B. II., links von mir das Aare-Panorama. Ich möchte noch vor der Eröffnung auf Skiern ins erahnbare weisse Rauschen flüchten & habe doch nur die Karte des Box-Trainers aus der Begegnung vom Vortag in der Tasche, Haltung im Supersparpreis auf der Rückseite. Ob und bei welcher Gelegenheit sie zum Einsatz kommen wird?

Cliffhanger. Im diskurs-geladenen Resonanzraum tritt derweil einer auf mit roten Schuhen, die Melodien seiner Gäste abrufbereit in den Augwinkeln, für uns Publikum netzwerktechnikfolgenabschätzende Blicke am Revers. Es gilt den beauftragten Brückenschlag zu wagen, die breite, nicht etwa die spitze, Öffentlichkeit auf die Spuren von Wissenschaft und Forschung zu setzen. Subtil versteht sich und einzahlend gleichermaßen, wir vermeiden die Nachhaltigkeit auszusprechen, denken sie aber natürlich mit.

Aufmerksamkeit sei teuer geworden. Nicht nur, auch rar.

Aufmerksamkeit sei teuer geworden, erzählt das Buffet, welches das Bündner Fleisch an Auberginenmus serviert, die Suppe aus Lauch und den Wein aus der Schweiz. Der Kaffee kommt aus der Maschine, die auch Schokolade kann, und Ovomaltine, wo wenn nicht hier trifft Placemaking auf Geschmackszelle. Die Schweiz eine Brand, die sich auf der Zunge zergehen lässt und im Portemonnaie spürbar wird bei jedem Happen.

Kultur ist, liest die Gastgeberin vom Papier, uns Ausdrucksform, Teilsystem der – gegenwärtigen, ergänze ich mit Blick auf das was kommen mag – Gesellschaft und, demokratischer Raum. Ich setze ein Fragezeichen, vermisse die Quellenangabe und bitte mein Hirn später nachzufragen. Demokratischer Raum? Den hätte ich gern betreten, eingerichtet und als dritten Ort etabliert mit hohen Fenstern und Garten, undoder zunächst verständlich definiert, aber erstmal Musik und Bindestriche, als könne ein Strich irgendwas in Verbindung bringen, was nicht längst schon. Und die Aare schmunzelt in sich hinein und fläzt sich ins indian-summer-gefärbte Hügel-Panorama der Stadt, welches, bei aller Leuchtkraft, nur Rampe zum Alpen-Gipfel-Aufmarsch dahinter. Eiger, Jungfrau und Mönch haben sich auf Weiss geeinigt, ob aus Unschuld oder Bescheidenheit, steht nicht dran, das Matterhorn schwänzt, vermutlich sind wir doch nicht so wichtig.

Über den Wolken im Halteverbot geparkt? 

In den Wolken werde unsere Kontrolle grenzenlos sein, allen voran die, die uns selbst kontrolliert, und sie nennen es gleichwohl oder genau deswegen kuscheln. Kuscheln mit datierten Wetterprognosen, Blutzuckerwerten und Gehaltsabgleichen, darauf kommt nichtmal Sibylle Berg, die, mit dem Glück einst davon gekommen, uns in den Morgen liest und der Digitalisierung ihre Liebe nachdrücklich versagt.

Du wirst heute vermutlich wütend werden, weiß sie. Unter anderem, wenn deine Daten den Schluss zulassen, dass deine Existenz eine marktwirtschaftliche Zumutung sei. Sei? Das ist seit 45 Jahren der Fall, ich lebe trotzdem. Dagegen an. Dafür weiter. Daneben raus. Auf der Ziellinie erst werde abgerechnet ist eine Mär, die wir uns zu lange zu glaubhaft erzählt haben, der liebe Gott und Google wissen es besser und alles von uns, was wir zu teilen bereit und genötigt. Google mittlerweile ungleich mehr, Vertrauen keine Frage der Freiheit mehr.

Wieviel Angst gib uns heute und vergib uns unsere Gier? Wieviel Frust, das wäre vielleicht eine Frage, die ich diesem Wörtchen Wandel, das wie eine Änderungsschneiderei der dritten Genreration, in müde gewordenen Leuchtbuchstaben um Vertrauen buhlt, aber hey, wir sind nichtmal auf einem Auge mehr blind und solange du deinen Change nicht genderst, gilt unser Mitleid Diabetikern und Adipösen, herangezüchtet von einer Industrie, die weiß, was sie tut, auch wenn ihr das wider besseres Wissen niemand zutraut. Wandel, dass ich nicht lache, hier wird schon lange nicht mehr gewandelt, flaniert, mäandert… Ich überlege, Tabularasa als Ersatz-Vokabel anzubieten, aber auch das mir zu neckisch.

Death by technology, death by law oder death by institution?

Es könnte noch spannend werden, verrät das Programm und wir deklinieren in Gedanken digitale Asylgesetzmäßigkeiten und Schlupflöcher, das eigene Mobiltelefon derweil in Sicherheitsabstand an die Ladestation gekettet. Es bleibt eine Frage der Handlungsoptionen und -verpflichtungen. Der Programmierer hat zumindest das Gefühl, die Welt mitzugestalten, aus Nullen und Einsen uns eine Welt zu basteln, in der wir spielen mögen. Aber wir Geisteswissenschaftler taten uns schon bei der hiesigen schwer, unsere Rolle aufs Papier und in die Köpfe zu bringen: Kultur ist, was man draus macht, und das lässt sich digital schon gar nicht festhalten, weiss die Dame, die über Archivierung digitaler Kunst spricht und die 4,5 Beauftragten, die in Deutschland dieser Aufgabe qua Jobdescription in Institutionen formerly known as Museums nachkommen.

Death by technology, death by law oder death by institution? Vor die Wahl gestellt und in Kombination mit der Abhängigkeit von Softwarelizenzen, fragt sich nicht nur der Kapitalismus nach einem neuen Geschäftsmodell, auch die Kultur wird langsam aber sicher nachdenklich.